Was die Kirche vom Supermarkt lernen kann

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Auch schon mal geärgert, wenn in der Stammkaufhalle auf einmal keiner der liebgewordenen Artikel wiederzufinden ist? Ich fühle mich vom Betreiber des Marktes dann regelmäßig veralbert. Was will er von mir? Dass ich mich länger als gewollt in seinen Hallen aufhalte und mehr kaufe, als ich eigentlich möchte? Dass ich aus meinem Einkaufstran erwache und ganz neue „Markenwelten“ entdecke? Und, was hat das alles mit der Kirche zu tun?

Peer Schader schreibt in seinem Supermarktblog über neue Entwicklungen im Lebensmittelhandel. Ich lese das Blog regelmäßig, weil man sich danach immer ein wenig schlauer fühlt, den Maschen der Supermarkt- und Discounterbetreiber ein wenig mehr auf die Schliche kommt und beim nächsten Küchentischgespräch ein wenig klugscheissen kann.

Innere Karte
Vor einem Monat schrub er darüber, warum Kunden sich über umgeräumte Regale im Supermarkt ärgern. Laut Schader ärgern wir uns deshalb, weil unser innerer Autopilot vom Supermarktbetreiber durch das Umräumen sabotiert wird. In unserem Alltag schaffen wir uns kognitive Karten (-> Autopilot), die es uns ermöglichen, ohne viel nachzudenken, die täglichen Aufgaben fehlerfrei zu bewältigen.

„[…] (wir) gehen im Supermarkt immer denselben Weg, um sicherzustellen, dass wir beim Einkauf regelmäßig benötigter Lebensmittel nichts vergessen. Wir erstellen anhand des Markts, den wir öfter besuchen, sozusagen einen inneren Einkaufszettel, den wir unterbewusst abarbeiten, weil wir wissen: nach Obst und Gemüse folgt Milch, dahinter Butter, dann Käse, Toastbroat usw. Bei der Orientierung helfen so genannte “Wegweiserprodukte”: also Marken, die fast schon sinnbildlich für eine bestimmte Kategorie stehen, die wir sofort erkennen: Aha, da steht eine braune Flüssigkeit mit rotem Flaschenlabel, das muss Coca Cola sein – dann find ich hier Softdrinks.“

Missverständnis
Die allermeisten Shoppingstrategen gehen davon aus, dass man den Kunden von Zeit zu Zeit dadurch herausfordern sollte, alles einmal umzuräumen. Durch die entstehende Verwirrung käme der Kunde auch an Waren vorbei, die er vorher nicht bemerkt habe. Schader zitiert den britischen Wissenschaftler Siemon Scammell-Katz, der im Gegensatz dazu berichtet, dass Kunden durch die Verwirrung und die anschließende Suche nach den gewünschten, weil bekannten Waren so stark abgelenkt würden, dass sie für neue Angebote überhaupt keinen Sinn hätten. Mithin stellt er fest, dass die Umräumbemühungen der Supermarktbetreiber das Gegenteil ihrer eigentlichen Intention hervorbringen.

„Sechs Monate dauere es, bis ein Kunde eine neue kognitive Karte “seines” Ladens angelegt habe. In dieser Zeit seien die meisten damit beschäftigt, die Sachen für ihren Standardeinkauf neu zusammenzusuchen, und hätten deshalb weniger Kapazität frei, um Aktionsprodukte zu kaufen, mit denen aber zusätzliche Einnahmen in die Kasse kämen: “The brain’s ability to process information ist finite: if more attention is paid to navigating (…), there ist less capacity available to contemplate extra purchases.”

Was die Kirche lernen kann
Im Bemühen, die Schönheit und Wertigkeit kirchlicher Angebote sichtbarer zu machen, räumen auch wir den Laden Kirche permanent um. Reformwünsche des Kirchenvolkes, administrative Zwänge der Kirchenleitungen und nicht selten der Eifer der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter sorgen dafür, dass sich ständig etwas ändert. Besonders augenfällig ist das – wenngleich es auch andere Beispiele gäbe – am Gottesdienst. Da wird an der Liturgie gekürzt oder diese gleich ganz weggelassen. Da muss die Predigt multimedial oder zumindest im Dialog gehalten werden. Da werden neue Versatzstücke erfunden, die es dem Gottesdienstteilnehmer erleichtern sollen, dem Geschehen zu folgen. Und noch viel mehr. Alles nicht per se falsch.

Doch die allermeisten Reformbemühungen in Gottesdienst und Kirche arbeiten sich an der Form ab, sozusagen am Layout, an der Regalaufstellung des Ladens Kirche. Sind wir soweit gekommen, dass unsere „Kunden“ verwirrt sind, in welchem Gang und unter welchem Titel unsere Angebote wiederzufinden sind? Und, sind wir uns der Fadenscheinigkeit eines Unterfangens bewusst, dass zwar die Präsentation, nicht aber den Inhalt besser machen will? Genügt es, low-light Margarine wie Butter zu verpacken, um den Menschen die Sehnsucht nach guter Butter zu stillen? Werden wir nach Ende der Umdekoration feststellen, dass da nichts mehr geblieben ist hinter dem Schaufenster, dass zu erwerben und verkaufen sich lohnt?

Inhalt vor Form
Ich bin ein linker Protestant. Ich bin kein Liturgiefetischist. Auch wenn sich beides nicht ausschließen muss, so ist mir aus der Zeit gefallenes Gehabe und Gekleide überhaupt nicht nah. Und den Satz „Hamwer immer schon so gemacht“ mag ich auch nicht mehr hören. Und trotzdem, alle Menschen haben innere Karten der Kirche und ihres Glaubens – wo auch immer sie hinführen. Zu meiner Kirchenkarte gehört der liturgisch gefasste Gottesdienst dazu. Ich mag es nicht, wenn Menschen mit wenig Geschick an ihm herumwerkeln. Der Liturgiegottesdienst, zumal als Zentrum der Gemeinde am Sonntagmorgen, ist für mich aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Manchmal muss man die Kirchenkarten erschüttern, die Menschen dahinter positiv überraschen und herausfordern. Wenn es aber nur darum geht, Verwirrung zu stiften um der Verwirrung willen, sollte es unterbleiben. Wo die Fenster des Herzens und des Verstandes aufgestoßen werden, stört z.B. alte Liturgie nicht, kann gar zum Gerüst werden, in dem solche Befreiung erst erfahrbar wird.

Der Inhalt bedarf der Neuordnung ebenso sehr – vielleicht sogar mehr noch – als die Form, in der wir Kirche leben. Ein reformierter Inhalt führt automatisch zu neuer Form. Neue Form für sich kann zum Feigenblatt vor überholtem Inhalt verkommen. Den Vorrang des Inhalts vor der Form können wir schwerlich vom Handel lernen, es wäre gerade diese Botschaft, die unsere Gesellschaft von den Kirchen hören müsste.

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