Unter Heiden (12): Als wir träumten

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Es ist geschehen. Die neue Zeit. Wir sehen das junge Leben auseinanderbrechen und sich nur teilweise zusammenrütteln. Wir sehen auf Leipzig, auf den Osten nach der Wende. Andreas Dresen verfilmt Clemens Meyers Erstling Als wir träumten. Vieles ist unsicher. Sicher ist, dieser Film ist großes Kino. Deshalb erst einmal Musik an (hier klicken).

Ein geübter, genauer Blick auf das Leben von sechs Jugendlichen, mit deren Kindheit auch die DDR unterging, das ist Als wir träumten. Und noch mehr: Es ist auch der Blick, den drei Männer unterschiedlicher Generation auf das Ende der DDR und die „neue Zeit“ werfen – voller Empathie und Anmut. Deshalb geht es nicht nur um das Leben der Sechs kurz vor und nach der Wende, sondern um das Jung- und Jugendlichsein überall und jederzeit. Allein, dass die Wende es in all seiner Härte und Radikalität ermöglichte, mag die Jugendjahre von Dani, Rico und Sternchen von den unsrigen unterschieden haben.

Als wir träumten

Ausfahrt durch die Nacht – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Dani und seine Freunde wachsen in der Endphase der DDR in Leipzig auf. Sie sind selbstverständlich Pioniere, auch wenn das System schon bröckelt. Ihre Sprache ist durch die Ideologie geprägt, doch sie zeigt schon Risse, eigentümlichen Humor, der durchbricht. Die Szenen einer Rettungsübung an der Schule sind wie alle DDR-Kinderszenen des Films ganz erstaunlich. Sie zeigen ein geordnetes, ja fröhliches Land. Es ist bunt, kurios. Es gibt den Kindern eine Fundierung, die alle weiteren Szenen und das Leben der Sechs nach der Wende vermissen lassen.

Trotzdem wird hier keine Nostalgie nach der DDR betrieben. Nicht in den Bildern, die die Widersprüche des Systems nicht aussparen. Zwischen Kollektivanspruch und sozialistischer Tradition sich das Eigene bewahren, es erst entdecken, auch davon sprechen die Szenen vor dem „Schulgericht“, der Aufmarsch nach erfolgter Katastrophenübung, das Anzünden des Pionierhalstuches auf dem Schulklo.

Nicht in der Sprache, die den Kindern gerade deshalb angemessen ist, weil sie einen eigenen Witz hat, der sich im System positioniert und der auch die Wende überleben wird. Mit erstaunlicher Nonchalance besprechen die Sechs den Wandel in ihren Leben und ihrem Land. Es finden gerade keine Symposien statt, das Leben geschieht und wir sind dabei.

„Mal was anderes: Glaubst du an den Sinn des Lebens?“
Diese Sprache hat der Film vor allem seinem Drehbuch zu verdanken. Wolfgang Kohlhaase findet sie, erfindet sie wahrheitsgetreu. Keine Anbiederung an die Jugendsprache a’la Crazy findet statt, sondern eine Sprache ist einfach da, die den Mündern und Herzen der Protagonisten und der erinnernden Zuschauer gleichermaßen entspricht. So werden die Sechs nicht zu musealen Ausstellungsstücken einer vergangenen Welt, sondern zu Avataren jugendlichen Lebens zu allen Zeiten, an allen Orten.

Ihre Jugendjahre sind frei. Freigeworden von politischer Vereinnahmung, frei überhaupt von Anforderungen irgendeines – auch des kapitalistischen – Systems. Frei bis in die Überforderung hinein. Denn frei, das heißt auch, ohne elterliche Orientierung, ohne gesellschaftliche Vorbilder, ohne verbindlichen gesetzlichen Rahmen.

Als wir träumten

Auf dem Polizeirevier – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Die gemeinsamen Nächte in der eigenen Techno-Butze, auf Fahrt mit geknackten Autos, in verfallenen Altbaukellern sind die prägenden Ereignisse, die nicht nur das Publikum ob ihrer Intensität in Erinnerung behält, sondern die für die Jungs an die Stelle herkömmlicher Sozilisation treten. Überhaupt findet alles nur noch Nachts statt, und wenn eine Gruppe Glatzen auch am hellen Tag Jagd auf Rico, Dani und die anderen macht, ist auch das Dunkelheit.

Der Film könnte abdriften in eine Road-Movieske, die die wilden Bilder nur für sich feiert. Doch das Abstruse, das Verbotene – so sehr man es sich heute kaum noch vorstellen kann – es hatte seinen Platz auf den Straßen und in den Häusern dieses Landes. Die saufenden, prügelnden, verzweifelten Männer, die aufgeriebenen, stumm nach Liebe schreienden Frauen, die Glatzen und Punks, sind nicht Staffage eines Abenteuerfilms, sondern aufgefangene Realitäten der erlebten Zeit.

Und so hat der Film etwas bedrückend Dokumentarisches. Dafür sorgt ein genau hinschauendes Kamerauge und das perfekte Casting. Bis in die kleinste Nebenrolle trieft die Authentizität, wenn man das Wort einmal verdientermaßen bemühen will. Besonderes Geschick verlangte das Casting der Sechs als Kinder und Jugendliche. Weil es so wunderbar gelungen ist, fällt der Wechsel zwischen den Zeiten nicht schwer. Jeder der Sechs erhält ein unverwechselbares Gesicht, das im Falle von Pitbull oder Sternchen dazu noch phänotypische Qualität erhält.

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Sternchen und Dani – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig


Andreas Dresen – der „Pro“
Laut Jack Nicholson ist ein „Pro“ ein Filmschaffender, der mehr Preise erhalten hat, als Filme gedreht. Wenn dem so ist, dann ist Andreas Dresen (* 1963 in Gera) der „Pro“ des deutschen Kinos. In den Mainstream des Nachwendekinos ist er mit Produktionen wie Sommer vorm Balkon und Whisky mit Wodka vorgedrungen, zu beiden schrub ebenfalls Wolfgang Kohlhaase die Drehbücher. Seine Filmographie umfasst die mehrfach ausgezeichneten Die Polizistin, Halbe Treppe und das stilprägende Nachtgestalten. Für seine Arbeit erhielt Dresen u.a. den Grimme-Preis, den Deutschen Filmpreis und zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen bei internationalen Filmfestivals.
Wolfgang Kohlhaase – gerade so wie Erich Kästner
Unter Cineasten und Regisseuren ist Wolfgang Kohlhaase (* 1931 in Berlin) gleichermaßen beliebt. Zu seinem 80. Geburtstag schrub ihm Torsten Hilscher unter dem Titel „Begnadeter Mann des Wortes“ eine Eloge: „in der deutschen Filmgeschichte [verfügten] nur noch zwei Drehbuchautoren über einen solch vielfältigen Sprachwitz und eine so genaue Beobachtungsgabe einzelner Milieus: Billie (Billy) Wilder (1906-2002), der das Land 1933 verlassen musste, und Erich Kästner (1899-1974).“ Seine wichtigsten Filme aus DDR-Zeiten sind Berlin – Ecke Schönhauser… und Solo Sunny. Nach der Wende arbeitete er an drei Filmen für Andreas Dresen. Er ist u.a. Träger der Ehrenpreise des Deutschen Filmpreises und der Berlinale.
Clemens Meyer – Tanz auf den Trümmern
Als wir träumten ist der 2006 veröffentlichte erste Roman von Clemens Meyer (* 1977 in Halle (Saale)), der seine Jugend im Leipziger Osten verbrachte. Seine Jugendzeit in den 90er-Jahren bezeichnet er selbst als „Tanz auf den Trümmern“. Meyer wurde mit dem MDR-Literaturpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 stand sein Buch Im Stein auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

„Wir sind die Größten!“
Ich schaue den Film in einem hallenser Programmkino, im Jahr 2015, in dem unsere Straßen leer und deshalb friedlich daliegen. Es ist unwahrscheinlich, dass durch die Nebenstraßen ein von lebenstrunkenen Jugendlichen gekapertes Auto jagt. So manche soziale Verwerfung hat sich wieder gelegt, wenn sie auch noch unbesprochen bleibt. Hat die Orientierungslosigkeit nachgelassen?

Und wo ist die Zärtlichkeit hin, die sich da und dort versteckt unter fetten Beats und dem Geflacker der Stroboskope Bahn bricht? Es mag unter Heiden vielleicht nicht mehr so gewalttätig zugehen wie, ja, damals, aber wurde mit dem Verschwinden der öffentlichen Gewalt auch ihr Pendant, die anmutige, private Nähe zwischen den Menschen, nivelliert?

Als wir träumten

Sternchen und Dani unter den Stroboskopen – © Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Andreas Dresen, Wolfgang Kohlhaase, Clemens Meyer stammen aus unterschiedlichen Generationen des Ostens. Ihr Blick auf das Ende der DDR und die „wilden 90er“ unterscheidet sich notwendigerweise. Es ist die Stärke dieses Films, dass er sich nicht im Klein-Klein der Unterschiede verliert, sondern das Gemeinsame der Ab- und Aufbrucherfahrungen, die jeder der Künstler in sein Werk legt, dahin rückt, wo wir es beobachten können, in den Fokus der Sprache, der Kameralinse.

Ich bange und hoffe mit Dani, von dem wir wissen, dass es mit ihm nicht ganz dunkel enden wird, weil er sich einen klareren Kopf erhält, ein ethisches Gerüst, von dem man gerne wüsste, wo man sowas herbekommt. Und so verlieben wir uns mit ihm und vertrauen und träumen und werden verletzt und enttäuscht. Am Ende wissen wir wohl, dass es weiter geht, nur nicht wohin.

Und die Schicksale all der Sternchens, Pitbulls, Ricos und Marks und Pauls? Sie berühren, weil man ihre Unvermeidlichkeit zwischen Anpassung an die neue Zeit und all den Drogen und all der Gewalt von Anfang an spürt und trotzdem dagegenhalten möchte. Es ist ein Traum, den man nicht beinflussen, von dem man nur erwachen kann. Das ist ziemlich ehrlich.


Einmal im Monat schreibe ich unter dem Titel Unter Heiden auf theologiestudierende.de über meine ostdeutsche Heimat. Etwas später erscheinen die Artikel hier auf meinem Blog. Es geht um Vorurteile, Lebenserfahrungen und Perspektiven. Es geht um Arbeit, Leben und Glauben.

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