Teilen

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Das Teilen hielt ich immer für eine Tugend, eine christliche allzumal. Von Kindertagen an galt es abzuwägen, Erhaltenes für sich zu behalten oder anderen abzugeben. Ob aus Gewohnheit oder schlechtem Gewissen, meistens wurde brüderlich geteilt, wie es das Sprichwort sagt. Wie ist es um das geschwisterliche Teilen unter den Christen bestellt? Das frage ich im Bewusstsein, dass gerade zu Weihnachten wieder Millionen an christliche Hilfswerke geflossen sind, die weltweit nicht nur aber auch anderen Christen helfen sollen. Ich frage es in einer Zeit, in der das Teilen zu einem Wirtschaftstrend geworden ist: Sharing-Economy.

Martin Horstmann schrieb in seinem Blog diakonisch.de im Dezember ausführlich über den aktuellen Sharing-Trend, seine Licht- und Schattenseiten und vor allem seine Bedeutung für die Diakonie. Ihm fiel auf, dass das Teilen explizit in keiner der deutschen Denkschriften zur Diakonie als Thema aufgenommen wurde. Und er vertieft den Gedanken des Teilens, indem er vom Wert des Miteinanderteilens spricht. Vielleicht liegt ja hier auch ein Grund dafür, warum das Thema in unseren Landen zu wenig im Kirchengespräch ist: das Miteinander, die Kommunion ist wohl eher ein klassisch katholisches Topoi und harrt hierzulande noch häufig seiner Wiederentdeckung im praktischen Leben der Gemeinden und Kirchenwerke.

Erlösung teilen
Martin Horstmanns hervorragende Ausführungen möchte ich nur um einen Gedanken ergänzen: die soteriologische Qualität des Teilens. Teilen, einander abgeben, kann erlösen. Auch das haben gerade Lutheraner verdrängt. Nein, es geht nicht darum, sich loszukaufen durch mildtätige Gaben. Dagegen hat Martin Luther zu Recht Widerspruch eingelegt. Aber Teilen kann frei machen.

Eigentum zu haben, macht furchtsam. Es schreit nach Mauern und Zäunen, nach Fußangeln und Selbstschussanlagen, nach Panzerschränken und Alarmanlagen, nach Polizei und Paragraphen. Hunde fletschen die Zähne und reißen wütend an ihren Ketten. Der Postbote, der Gasmann und der hausbesuchende Pfarrer werden ohne Unterschied im armen Hundehirn zu raublüsternen Verbrechern abgestempelt. Denn, wer im Hoftor erscheint, trachtet nach des Herrchens Eigentum und ist deshalb zu Hackfleisch zu verarbeiten. Mit nicht weniger Aufwand verteidigt die Kreatur freilich auch den Raub des Räubers, das Diebesgut des Diebes, denn Bellen und Beißen hat keine ethischen Voraussetzungen.

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Teilen, einander abgeben, das heißt nicht nur mit dem Munde, sondern ganz praktisch der üblen Verwertungslogik unserer Gesellschaft Widerstand zu leisten. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, das ist eine Slogan gewordene Richtschnur für christliche Ethik. Mit ihr in der Hand sollten wir die Eigenarten unseres Wirtschaftens, auch aktuelle Sharing-Economy-Entwicklungen und vor allem den Umgang mit unserem eigenen Reichtum betrachten.

Miteinanderteilen heißt, dem Nächsten, dem Anderen sein Gut und Nahrung bessern und behüten zu helfen. Miteinanderteilen ist das Gegenteil von Stehlen. Nicht nur um materielle Güter geht es, sondern auch um den Platz in unserer Mitte. Denn Miteinanderteilen bedeutet nicht nur Ressourcenschonung oder Mangelausgleich, sondern bietet durch die gemeinschaftliche Kollaboration Teilhabe.“ Teilhabe, das heißt, miteinander frei werden.

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Dieser Artikel erschien am 5. Januar 2015 als Teil der wöchentlichen Kolumne „Moment mal“ auf theologiestudierende.de.

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