#PorteOuverte – Nachrichten aus Paris

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Seit den Anschlägen in Paris wurde viel gesendet und geschrieben. Ich für meinen Teil habe versucht, mich da etwas rauszuhalten. Für theologiestudierende.de habe ich aber gestern Vormittag doch einen Text verfasst, der sich vor allem mit der Angst auseinandersetzt, die durch die Anschläge gesät werden soll. Aus diesem Text und weiteren lesenswerten Artikeln, die ich in den letzten Stunden gelesen habe, ein paar Ausschnitte nebst Anmerkungen:

Herzeleid – wider die Angst? (theologiestudierende.de)
„Solidarität und Trotz sind es, die wir bereits zu Beginn dieses Jahres an den Parisern und ein wenig ja auch an uns selbst bewundert haben. Gute, vielleicht die besten Regungen, zu denen Menschen fähig sind. Doch Solidarität kann, wenn sie sich nur aus Angst speist, umschlagen in Ab- und Ausgrenzung, und Trotz sich verkehren in Wut und Vergeltung.“

„Ja, die Attentäter von Paris, aller Terror, wollen uns Angst machen. Und es scheint logisch, ihnen nicht durch öffentliche Bekundungen derselben Recht zu geben. Doch indem wir uns unsere Angst eingestehen, setzen wir nicht die Terroristen ins Recht, sondern uns angegriffene Menschen. Die eigene Angst mitzuteilen, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern eines der Stärke. Es kündet davon, dass wir fühlen können – Angst und Mitleid und Trost. Als Menschen sind wir angreifbar, doch darin liegt keine Schwäche, sondern unsere eigentliche Stärke.“

Paris – Gedanken (Hans Hoff, dwdl.de)
Hans Hoff, der sonst auf DWDL.de knackige Medienkolumnen schreibt, widmet sich in einem nachdenklichen Text der Aufbereitung der Anschläge in den Medien. Zur Kritik an der ARD z.B.:

„Vielleicht wäre es für alle Sender richtiger, sich nicht nur als reines Informationsmedium zu begreifen, sondern auch als zentrales Lagerfeuer, an dem jemand sitzt und einfach redet, eine kluge Frau, ein weiser Mann, eine Vertrauensperson. Die sagt vielleicht, dass sie auch nichts weiß. Das kann man sagen, wenn man nichts weiß. Das sollte man sagen, wenn man nichts weiß. Aber sie ist da. Sie signalisiert, dass man genau hier als Zuschauer richtig ist. Sie sendet die klare Botschaft aus: Wenn es eine wichtige Botschaft gibt, dann erfährst du sie hier. Wir füttern dich nicht unnötig mit Spekulationen, wir liefern dir Fakten, wenn wir sie hart haben. Aber wir sind da.“

Ich habe das Länderspiel nicht geschaut und auch sonst nicht ferngesehen. Ich habe gar keinen Fernseher. Informiert habe ich mich wie viele ausschließlich über das Internet, wobei ich ganz bewusst „händisch“ unterwegs war und auf meinen Twitter-Stream verzichtet habe. Denn, wie Hans Hoff richtig schreibt:

„Wenn so etwas passiert wie am Freitag in Paris, dann macht sich rasch Hilflosigkeit breit. Ich kann jeden verstehen, der dann nach Informationen giert, der möglichst schnell gesicherte Erkenntnisse haben möchte. Aus menschlicher Neugier oder konkreter Sorge um Familie und Freunde. So etwas ist wichtig, um die eigene Unsicherheit im Zaum zu halten. Informationen sind da die wichtigste Nahrung. Wir als Nutzer sollten aber auch ein wenig Geduld mitbringen. Solche Lagen wie in Paris klären sich nicht in Minuten oder Stunden. Damit sollten wir uns abfinden und jenen, die vor Ort sind, genau die Zeit geben, die sie brauchen, um Fakten hart zu machen, um Informationen abzusichern. Nur so kann vernünftiger Journalismus entstehen, kann ein Bild des Ganzen gezeichnet werden. Wenn ich ein 5000-Teile-Puzzle auspacke, ist es halt für jeden ein bisschen verwirrend, wenn ich ihm alle paar Minuten eine Handvoll Teile zuwerfe. Es ist das ganze Bild, das spricht.“

Darf ich mich weigern, bestimmte Dinge sehen zu wollen (dasnuf.de)
Über Rezeptionsschwierigkeiten, insbesondere über die Problematik harter Bilder, schreibt Patricia Cammerata. Sie nimmt für sich in Anspruch, nicht alles sehen zu müssen und trotzdem gut informiert zu sein. Ich gebe ihr recht, Videos von Verfolgungsjagden, Leichen und Verletzten befriedigen vor allem ein voyeuristisches Verlangen in uns. Sie illustrieren den Schrecken, der uns erschaudern und nicht wegschauen lässt. Mit manchen Bildern muss man dann tage- und wochenlang leben. Das ist nicht angenehm und das ist auch nicht notwendig. Mit den Nachrichten, den Tatsachen unserer Welt müssen wir leben, aber nicht mit jedem krank- und irremachenden Bild in unseren Köpfen.

„Die Welt bricht über mich herein. Sie bricht über mir zusammen und erdrückt mich. Ich kann mich nur komplett fernhalten aus dem Internet oder ich muss es ertragen: Bilder, Minuten nach den Attentaten, Tweets von Betroffenen. Ich kann sie aber nicht aushalten. Ich filtere das Hashtag und dennoch, sie verfolgen mich. Ich bin hilflos und hab wirklich das Gefühl flehen zu wollen: Verschont mich, teilt das nicht. Ich bin emotional genug betroffen. Egal ob Paris oder Beirut. Es erreicht mich. Auch ohne die eins zu eins Darstellung der Realität.“

Sich raushalten
„In unübersichtlichen Situationen möchte ich mich lieber zurückziehen und abwarten, mich selbst in Ruhe informieren und mir ein Urteil bilden. Jedenfalls gut überlegen, ob und was ich zu einem bestimmten Ereignis zu sagen habe – und sei es auch nur ein Tweet oder ein Blogbeitrag.

Ich verstehe das Bedürfnis vieler Menschen, ihrem Entsetzen und ihrem Mitleid öffentlich Ausdruck zu verleihen. Ich teile es nicht. Das meine ich im doppelten Wortsinn. Ist ein Retweet, ein Share, gar ein Like die angemessene Reaktion auf ein Unglück?

Weil ich daran zumindest erhebliche Zweifel habe, enthalte ich mich solcher Aktionen. Das hat dann zur Folge, dass ich mich aus den Sozialen Medien eher raushalte. Das ist eine vielleicht unbequeme Pause, ich finde sie ganz lehrreich.“

Diesen Text habe ich zur Germanwings-Katastrophe geschrieben. Das ist alles noch nicht lange her und mein Unmut beim Live-Dabeisein durch Social Media und sekundenschnelle Nachrichten im Netz wirkt bei mir noch nach (Ein gutes Gespräch darüber u.a. mit Stefan Niggemeier.). Aus diesem Grund habe ich mich am Samstag bis auf ein paar wenige Retweets von Twitter ferngehalten.

Ich finde Leute ekelhaft, die auf dem Rücken der Opfer Propaganda machen. So ganz geht mir aber nicht auf, warum dann Horden von aufrichtigen Twitter-Nutzern solches Fehlverhalten weitertragen, indem sie – sicherlich gut gemeint – retweeten, sharen, was-weiß-ich machen. Dieser Strudel, in den jede Nachricht in den Sozialen Netzwerken gerät, missfällt mir außerordentlich. Denn was macht das eigentlich mit mir als Mediennutzer? Schafft es in mir nicht nur weitere Wut, für deren Ableitung dann wiederum Twitter & Co. genutzt werden?

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