Ist der Pfarrer noch Vorbild? – Pfarrerbild im 21. Jahrhundert

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Am 13. Juni 1525 wurden Martin Luther und Katharina von Bora getraut. Die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses begann. Astrid Prange fragt in Christ & Welt „Ist der Pfarrer noch Vorbild?“. Aufgehangen wird die Diskussion an einer protestantischen Widersprüchlichkeit, nämlich an den zahlreichen geschiedenen Ehen im Pfarrhaus. Zeitgleich hören wir von Pfarrern und Pfarrerinnen, die in ihrer Gemeinde unter Mobbing zu leiden haben. Hat denn das Kirchenvolk jeden Respekt vor dem Amt verloren, oder hat der Pfarrerstand diesen Respekt leichtfertig verspielt?

Lage
Eine geschiedene Ehe ist niemals eine Wohltat. Für keine der Beteiligten Personen, weder für die Eheleute noch für Kinder und Rest-Verwandschaft, auch nicht für eine Kirchgemeinde, die manchmal mehr, manchmal weniger mit den Auswirkungen der Trennung und Scheidung zu tun bekommt. Handelt es sich bei den Eheleuten gar um ein Pfarrerehepaar, kann eine Trennung im Pfarrhaus die Gemeinde vor eine Zereissprobe stellen. Ist denn eine Scheidung bei Pfarrers eine öffentliche Angelegenheit oder Privatsache?

Zuerst ist es eine private Angelegenheit der Betroffenen. Die Situation ist ja ohnehin nicht prickelnd, da braucht es ganz sicher nicht auch noch gute Ratschläge aus der Gemeinde oder Druck durch die Kirchenleitung. Nach meinem Empfinden hat sich hier auch schon eine Menge getan.

Und es ist ja auch richtig so. Wenn Protestanten, Lutheraner allzumal, von ihrer Kirche als einem corpus permixtum und vom Menschen als Sünder und Gerechtem (simul iustus et peccator) sprechen, dann ist natürlich auch vom Pfarrerstand gesprochen. Doch selbst wenn sich die Kirchenzucht im Luthertum nicht ganz so weit entwickelte wie in den evangelischen Kirchen calvinistischer Tradition, so gibt es doch bis heute manchenorts noch eine ausgeprägte Pfarrherrlichkeit und damit verbunden natürlich die Vorstellung, der Pfarrer müsste der Gemeinde ein untadeliges Leben als Christenmensch vorleben.

Astrid Prange schreibt: „Doch wie stark ist das Vorbild der Ehe im Pfarrhaus wirklich? Verlieren geschiedene oder wiederverheiratete Frauen und Männer im Talar ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie bei Trauungen das kirchliche Eheversprechen „bis dass der Tod euch scheidet“ einfordern, in ihrem persönlichen Leben aber daran gescheitert sind? „Wenn der Pfarrer das Modell der christlichen Ehe nicht vorlebt, warum sollen wir dann an das glauben, was er predigt?“ Diese Frage, so Volker Lehnert, stellten sich nicht nur die Gemeindeglieder, sondern auch die Betroffenen selbst.“

Hier scheinen ja zwei Probleme auf. Erstens, ein Seelsorgerliches bei den Betroffenen selbst, die durch ihre eigene Erziehung, Frömmigkeit und Theologie, die in Konflikt mit ihrer Lebenswirklichkeit geraten, herausgefordert werden. Zweitens, die Vorstellung, dass kirchliches Handeln durch die Glaubwürdigkeit der Amtsträger (haupt- und ehrenamtlich) gedeckt sein muss. Das wird man wohl kaum bestreiten können.

Aber Glaubwürdigkeit macht sich nicht an Unfehlbarkeit fest! Diese Vorstellung zertrümmert nicht zu letzt auch die Confessio Augustana, indem sie die Wirksamkeit der Sakramente (Taufe und Abendmahl) unabhängig von der Würdigkeit der Amtsträger festhält. Gleiches mag auch für andere kirchliche Handlungen gelten, besonders für eine reine Segenshandlung. Die Ehe ist nach evangelischem Verständnis kein Sakrament, sondern ein weltlich Ding.

Unser Umgang mit Scheitern
In all dem spiegelt sich unser verzerrtes Bild vom Scheitern wider. Noch immer haftet dem Scheitern der Gestank der Sünde an. Hier wirkt die Moraltheologie vergangener Jahrhunderte noch verheerend weiter. Sei es die Frage nach den Scheidungen im Pfarrhaus, die noch leidlichere Diskussion über schwule und lesbische Pastorinnen und Pastoren oder Fragen des gemeindlichen Miteinanders, die Pfarrer und Pfarrerinnen in die Depression treiben. Überall wird ein Scheitern an tradierten Moralvorstellungen konstatiert (und im Falle der Homosexuellen Pfarrer konstruiert). Der Pfarrer hat hetero, glücklich verheiratet (bitte viele Kinder) und ein wahrer Held der Gemeindearbeit zu sein.

Besser wäre es, wenn wir mit Blick auf unsere eigene Tradition, die doch am Scheitern Jesu von Nazareths am Kreuz ihren Ausgang nahm, anders über echtes und vermeintliches Scheitern denken und sprechen könnten. Achtung Allgemeinplatz: In jedem Scheitern liegt ein Same Gottes, neues Leben aufgehen zu lassen. Gelingendes Leben ist nicht Leben ohne Scheitern, sondern aufrechtes Leben trotz und wegen des Scheiterns. Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Lut

Glaubwürdigkeit macht sich nicht an Unfehlbarkeit, sondern an einer ehrlichen Haltung auch gegenüber dem eigenem Scheitern fest.

best practice
Die us-amerikanische lutherische Pastorin Nadia Bolz-Weber versucht mit ihrer Gemeinde genau solch einen Umgang zu pflegen. Im House of all Sinners and Saints finden sich Menschen mit höchst unterschiedlichen Biographien zusammen. Auch ihre eigene Biographie kennt das Scheitern. Vielleicht kann sie gerade als trockene Alkoholikerin ihrer Gemeinde etwas ganz Besonderes geben. In ihrer kleinen Rede an einer theologischen Hochschule erinnert sie an eine Begebenheit im Seminar. Die Seminarleiterin entschuldigte sich offen und ehrlich für einen Fehler, den sie gemacht hatte.

„When Holly sat in front of us and apologized in the manner she did, when she told us the truth we felt there was no longer a curtain to look behind and we trusted her. Because what we really wanted was someone we could trust who also had the authority to teach us about spiritual preaching.“

Es gibt ein Scheitern, für das man sich bei seiner Gemeinde nicht entschuldigen muss. Doch nicht die Entschuldigung in jedem Falle ist hier wichtig, sondern eine Haltung der Demut gegenüber sich und anderen.

„I think being able to apologize for my mistakes and not ever seeing that as a threat to my authority is critical…but that is different than apologizing for who I am. Everyone does this but I hear women do it all the time. It’s not helpful. I think trying to pretend to be someone that you are not does nothing but water down your power. Because in a way, we are most powerful when we are simple who God made us where God put us. Maybe this and only this is where our authority rests. No need to defend it or protect it or apologize for it. Just rock it, brothers and sisters.

But humility, while not a word that usually associated with authority, is so critical right now. Embrace your limits. Celebrate them, even. Because your limits are your limits and in all likelihood, other people see them. So if you try and pretend they don’t exist…then not only do you have limits but now you also have no credibility.“

Das hat mit althergebrachter Pfarrherrlichkeit nicht mehr viel gemein, zum Glück!

9 Kommentare

  1. Mir gefällt der Gedanke der Demut sehr gut. Besonders im alltäglichen Geschäft der Gemeinde hilft es ungemein weiter, wenn man zu sich und seinem Handeln eine gute Distanz bewahrt und auch einmal zurücktreten kann und sagen: „das ist jetzt schlecht gelaufen und ich bin daran auch mit schuld“. Dabei darf man aber nie vergessen, sich selbst treu zu bleiben. Wie Nadia Bolz-Weber ja auch sagt: entschuldigen und demütig sein ja, aber für das, was man getan hat, nicht für das, was man als Mensch ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jürgen W. -Pfarrer

  2. Man ist nicht Vorbild, weil man meint es sein zu müssen. Man ist es als Leiter/Pastor so oder so, gewollt oder ungewollt, zum Guten oder zum Schlechten. Interessant ist, dass die Bibel (1.Petr.5,3) die Leiter auffordert, Vorbild zu werden und das im Gegensatz zum Herrschen. Hier wird so deutlich welch kraftvolles Leitungsinstrument das Vorbildsein ist. Das gilt aber in gleicher Weise für Eltern, Lehrer, Firmenchefs. Dass Pastoren wie auch Politiker an ihren Aussagen und ihrer selbst verkündeten Ethik gemessen werden, finde ich normal.

    Ich bin für Ehrlichkeit, aber durch Transparenz wird ein Scheitern nicht zu etwas Gutem. Nennen wir Sünde Sünde und Fehler Fehler, machen wir uns auch die Auswirkungen bewusst und übernehmen wir Verantwortung.

    Gefallen am Artikel hat mir die Berechtigung auf einen Neuanfang hoffen zu können nach einem Scheitern. Das ist wahre Gnade. Außerdem macht es nicht den Wert des Menschen aus, ob man leistungsstark und erfolgreich ist oder schwach und gescheitert, sondern Gottes von all dem unabhängige, zugesprochene Annahme und Liebe mach uns wertvoll, auch wenn die Gesellschaft uns konsequent das Gegenteil weismachen will.

    Mit freundlichem Gruß,
    Jens V. – Gemeindeleiter

  3. Unfehlbar ist niemand, ausser Gott. Die Glaubwürdigkeit hängt allerdings von unserem Handeln ab. Scheidung ist eine Handlung, bei der ich sehr wohl meine Glaubwürdigkeit einbüße. Jesu Kreuzigung war kein Scheitern, sondern der Plan seines Vaters. Ansonsten würde ich annehmen, dass das ganze so nicht geplant war und Jesus gar nicht für unsere Sünden hätte sterben sollen.
    Unser aller Vorbild sollte Jesus sein, der Ehebruch als Sünde bezeichnet. Wenn ich vor Gott „Ja“ sage, und mich danach scheiden lasse, ist dies Ehebruch. Die Personen haben sich damit vor Gott zu verantworten. Jesus vergibt und das sollten wir auch tun das Vertrauen ist weg. Der oder die Pfarrer(in) hat nach aussen hin gewiss eine Vorbildfunktion, was passiert, wenn diese weg ist, sieht jede(r) anhand den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.
    Heinz-Peter Defner
    Einfaches Gemeindemitglied in einer evangelischen Gemeinde in Österreich

    • Schließen sich das Scheitern am Kreuz und die „Planung“ Gottes aus?

      Halten Sie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche für eine Folge oder die Ursache des Vertrauensverlusts? So richtig ist mir das noch nicht deutlich geworden.

      • Hallo Herr Greifenstein, sind Sie Pfarrer?

        Jesus von Nazareth ist nicht „gescheitert“ – er ist ermordet worden (!) und zwar durch eines der bestialischsten Folterinstrumente der damaligen Zeit! Sie können doch nicht einfach durch Ihren vermeintlich sachlich-neutralen Begriff des „Scheiterns“ diese Tatsache einfach ausklammern und einen Mord ein „Scheitern des Opfers“ nennen – das ist Sprachmanipulation!

        Ähnliches gilt für das Thema „Scheidung/Trennung“ von (Pfarrer-) Ehen wegen eines neuen Partners. Auch wenn die Zahl der „FremdgeherInnen“ stetig zunimmt, ist das Fremdgehen oder der „Ehebruch“ noch immer keine Lapalie und eine Ehe/Beziehung, die zerbricht, weil einer der beiden Partner fremdgeht, ist nicht einfach nur „gescheitert“, sondern die Betrogenen leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die denen nach einer Vergewaltigung, nach Kriegserlebnissen oder Misshandlungen ähnlich sind, wie Psychologen in einer Studie des Projekts Theratalk der Georg-August-Universität in Göttingen herausgefunden haben ( http://www.hallofamilie.de/familienleben/partnerschaft/weitere-artikel/1/356-trauma-seitensprung.html ).

        Hier einfach wieder nur von „gescheiterten“ Beziehungen zu sprechen, ist mutwilliges Verschleiern dieser Täter-Opfer-Beziehung und somit auch wieder Sprachmanipulation. Ihre „Theologie des Scheiterns“ halte ich daher für sehr gefährlich. Damit schwimmen Sie zwar im aktuellen gesellschaftspolitischen Strom mit – aber wenn das die Ansicht der gesamten EKD sein sollte, dann kann ich nur mit Paul Celan sagen: „Denk´ ich an Deutschland in der Nacht…“

        • Nein, ich bin kein Pfarrer. Ich spreche auch nicht für die EKD. Und ich glaube, es war Heinrich Heine, der beim Gedanken an Deutschland um den Schlaf gebracht war. Natürlich aber aus ganz anderen Gründen.

          Es geht mir nicht darum, Opfer von Gewalt in die Ecke zu stellen. Bei einer Scheidung aber klar in Opfer und Täter zu unterscheiden, finde ich reichlich oberflächlich. Dass unser Umgang mit dem Scheitern im Angesicht des Kreuzes anders aussehen sollte, als simples Täter-Opfer-Blaming versteht sich von selbst.

          • Stimmt, Heinrich Heine. Danke.

            Wenn Sie Jesus als „gescheitert“ bezeichnen, dann stellen sie ihn als Opfer von Gewalt in die Ecke genauso wie alle Opfer der Militärjunta in Lateinamerika, die im Namen einer „Theologie der Befreiung“ gegen die Diktatur gekämpft haben. Nach Ihrer Logik sind diese Menschen dann auch nur „gescheitert“ und nicht ermordet worden…

            Wenn es sich um eine Scheidung wegen eines neuen Partners handelt, wird nicht von mir, sondern von der Psychologie klar in „Täter und Opfer“ unterschieden (siehe Link oben), auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen.

  4. Ich möchte Herrn Defner ausdücklich Recht geben:
    Jesus ist nicht gescheitert, sondern hat gesiegt – Tod und Sünde überwunden. Da er mit voller Absicht die Konsquenz unserer Schuld, den Tod getragen hat, kann man wohl kaum von Scheitern sprechen. Im Fall von Jesu Kreuzigung schließt sich somit „Scheitern“ und Gottes Plan aus.
    Bei menschlichem Scheitern ist Gott aber nicht überrascht. Insofern ist es Teil seines Plans. Das ist auch tröstlich zu wissen, dass ER nicht immer neu überlegen muss, wie es weiter gehen soll.
    Jens V.

  5. Pingback: Links am Tag des Herrn – 01.05.2016 | Spätschau

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