Mir ist nicht zum Lachen zu Mute – #Pegida und die Kirche

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In der letzten Woche haben viele von uns geschickte und lustige Parodien über die #Pegida gelesen und angeschaut, in den sozialen Netzwerken geteilt und uns darüber amüsiert. Zuletzt hieß das ja #Schneegida. Manchmal, so scheint es, kann man gar nichts anderes gegen den Kloß im eigenen Hals tun, als herzhaft aufzulachen.

Und vieles an den Demonstranten ist ja auch lächerlich. Ihre Verschränktheit, ihre verkrümmte Sicht auf sich selbst, die sie glauben macht, ihre kleine, behütete Welt sei elementar bedroht. Der Aberwitz mancher Verschwörungstheorie. Die Ungeschicktheit der Antworten einfacher Leute, die zum Gespött im Internet werden. Die Unwilligkeit der Initiatoren sich der Diskussion zu stellen.

Aber mir bleibt das Lachen über die #Pegida im Halse stecken.

Ich kann es nicht lustig finden, dass Bürger unseres Landes ihre Angst vor der Islamisierung Europas mit der Frage nach Aufnahme verfolgter Menschen verknüpfen. Ich kann es nicht lustig finden, dass Initiatoren und Nutznießer der Proteste sie mit alten Ressentiments aufladen. Denn es geht denen, die am Steuer dieser deutschen Tea-Party-Bewegung stehen, nicht um eine Diskussion um die Ausführung des grundrechtlich garantierten Asylrechts, sondern darum, ihren Hass in die Köpfe der Menschen und auf die Straße zu bringen.

eins

Vor Weihnachten forderten der Badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh und der Superintendent von Dresden-Mitte Christian Behr zum Dialog auf. Ich hoffe, sie meinten damit nicht einen Dialog mit den Initiatoren der #Pegida und ihren rechtsextremen Nutznießern, sondern mit den Bürgern der Stadt Dresden und anderer Städte, in die „die Bewegung“ zur Zeit expandiert.

Denn mit Rassisten und Menschenfeinden besteht keine Gesprächsgrundlage. Ja, die Kirche kann vor Ort zum Beispiel Bürgerinformationstreffen unterstützen oder gegebenenfalls initiieren. Aber sie darf nicht so tun, als ob man zwischen Rechtsextremen und der Zivilgesellschaft vermitteln müsste. Ihr Platz ist an der Seite derer, die gegen Rechtsextremismus, gegen Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie kämpfen. Das gilt umso mehr für die Minderheitenkirche in Ostdeutschland.

Es gilt, die latente Kirche, die in den zahlreichen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die gegen Rechtsextremismus arbeiten, am Werk ist, wahrzunehmen und zu unterstützen. Gerade auch im Wissen darum, dass in unserer eigenen Evangelischen Kirche in Deutschland rechtsextreme Ressentiments vorhanden sind. Es mutet mir abstrus an, dass ausgerechnet der badische Landesbischof sich berufen fühlt, zum Dialog mit Verschwörungstheoretikern und Extremisten aufzurufen, wo in seiner eigenen Landeskirche Kirchenmitglieder gegen eine zeitgemäße und liberale Neubestimmung des Schullehrplans (#idpet) auf die Straße gehen. Ja, das hat etwas miteinander zu tun.

Denn was wir dieser Tage in Deutschland erleben, ist der Höhepunkt einer Entwicklung, die allerspätestens seit dem publizistischen Erfolg Thilo Sarazzins erkennbar war. Ich glaube, und deshalb ist mir nicht zum Lachen zu Mute, dass wir gerade Zeugen werden, wie eine neue fremdenfeindliche Bewegung entsteht und sich mittels ihres parteipolitischen Arms, der AfD, auf den Straßen und in den Parlamenten unseres Landes festsetzt.

Die Asylfrage ist kompliziert und ja, sowohl in der Ausführung der strengen Gesetze (nach meinem Geschmack stehen die in den 1990er-Jahren eingeführten Einschränkungen des Asylrechts dem Geist des Grundgesetzes fundamental entgegen), als auch in der Kommunikation wurden Fehler gemacht. Aber den Denkern und Lenkern hinter dieser neuen deutschen Tea-Party geht es um mehr als um die Lösung akuter Probleme, die im Zusammenhang mit der temporären Aufnahme von Flüchtlingen stehen. Wenn es ihnen überhaupt um deren Lösung geht.

Es geht ihnen um die Agenda eines reinen Abendlandes. Eines Abendlandes, das deutsch ist und zwar nicht dem Pass, sondern der Abstammung nach. Eines Abendlandes, das Deutsche, die vor kurzer oder längerer Zeit aus anderen Ländern und Kulturen zu uns in dieses Land gekommen sind, ausschließt. Das Menschen ausschließt, die nicht deutsch denken, deutsch lieben und deutsch glauben. Sie knüpfen an Ressentiments gegen die Anderen, die da oben, die Zigeuner, die Moslems, die Kopftuchträgerinnen, die Schwulen an, die es in unserer Gesellschaft gibt. An diesem Fakt kommt man nicht vorbei.

Groß war der Schock in meiner Filterbubble, als bei der letzten Bundestagswahl deutlich wurde, dass die Mehrheit der Wähler konservativ bis rechtsextrem gewählt hat, auch wenn der neugewählte Bundestag dies der 5 %-Hürde wegen nicht widerspiegelt. Und das ist nur ein Beispiel für den verknöcherten Konservatismus der trotz oder wegen des Reichtums unseres Landes fröhliche Urstände in den Köpfen der Menschen feiert. Deutschland ist bei weitem nicht so weit, wie es der rot-grüne Teil dieses Landes glauben mag. Auch darüber mag ich nicht lachen können.

Denn die Bürger, die sich jetzt von der bürgerlichen AfD und ihren Trommlern bei der #Pegida einfangen lassen, dass sind nicht irgendwelche beschrubbten ostdeutschen Hinterwäldler, das sind unsere Nachbarn, Kollegen, vielleicht Verwandten und es sind unsere christlichen Glaubensgeschwister, die schon seit Jahr und Tag die Öffnung der Kirche hin zur Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, zu den Schwulen und Lesben, religiös Indifferenten, Juden, Moslems und Haste-nicht-gesehen mit Unbehagen sehen. Die seit Jahr und Tag den „rot-grünen Mainstream“ auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland kritisieren und sich von der zwischen den gesellschaftlichen Fronten moderierenden und umherirrenden Kirche nicht vertreten fühlen.

dreiEs ist auch eine Zukunftsfrage der Evangelischen Kirche, wie zwischen diesen konservativen Kräften, die vielleicht sogar die treueste Mitgliederschaft ausmachen und den progressiven, jungen, kirchenkritischen Christen moderiert werden kann. Und mir stellt sich noch dringlicher die Frage, ob das überhaupt Aufgabe der Kirche ist?

Überspannen wir nicht unsere Wirkungsmacht und tatsächliche Stärke, wenn wir von uns glauben, dass wir diese Melange zusammenhalten können? Ja, dass gerade die angegriffenen evangelischen Landeskirchen die Kraft aufbringen können, Menschen, die so eindeutig auseinanderstreben, zusammenzuhalten? Und um welchen Preis?

Was ist daran evangelisch, wenn ich unter dem Banner der Kompromissbereitschaft und Geschwisterliebe Ressentiments und Fremdenhass tolerieren lerne. Wenn ich meine, dass ich um des lieben (Kirchen-)Friedens willen davon Abstand nehmen muss, dass auszusprechen und auszuleben, von dem ich denke, dass es uns unser christlicher Glaube heute wieder dringend befiehlt: mich uneingeschränkt und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten Dritter an die Seite der marginalisierten, ausgestoßenen, vertrieben und flüchtigen, verhassten und verfemten Menschen zu stellen – seien es Christen und andere Flüchtlinge, die vor Verfolgung in unser Land fliehen oder deutsche Moslems, die sich auf unseren Straßen fürchten müssen.

Vielleicht werden unsere Kirchen diesen Angriff von Rechts nicht überleben, sondern sich, wenn nicht institutionell, so doch in der Lebenswirklichkeit, in einen progressiven und einen konservativen Teil spalten. Oder vielleicht haben sie das schon längst und es wird Zeit, uns das einzugestehen.

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