Links unter Heiden (4)

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Seit letztem Jahr schreibe ich Unter Heiden über Ostdeutschland. Einmal im Monat Mal so mal so erscheint die Kolumne bei theologiestudierende.de (und etwas später hier auf dem Blog). Aber natürlich gibt es noch viel mehr über Ostdeutschland zu lesen. Deshalb möchte ich hier einmal im Monat unregelmäßig Leseempfehlungen aufschreiben: Links unter Heiden.

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Montagsdemos pervertiert
Montagsdemos sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Da wird kein totalitäres Regime niedergerungen, da wird nicht für Frieden und Gerechtigkeit gebetet; nein, da wird gegen Ausländer und die liberale Gesellschaft gehetzt, werden Verschwörungstheorien auf die Marktplätze des Landes geschrien. Die neuen Montagsdemonstranten haben nicht nur das Label „Montagsdemo“ gekapert, sondern skandieren aus voller Brust „Wir sind das Volk!“. Von der breiten Bevölkerung werden sie ignoriert, was nur noch mehr dazu führt, dass ihr Ton sich verschärft. Inzwischen scheint eine ganze Branche entstanden zu sein, die aus dem Mischmasch von irrwitzigen Verschwörungen und Ressentiment Profit schlägt.

Überhaupt wird unter den Heiden zur Zeit kräftig demonstriert. In Dresden von der Pegida – beinahe unter Ausschluß der Öffentlichkeit, in Leipzig geht es um den Bau einer Moschee. Und die AfD versucht der NPD das Wasser abzugraben. Ich glaube, es lohnt sich doch, einmal hinzuhören, was auf unseren Straßen für ein Mist verzapft wird.

Linkspartei
In Thüringen formiert sich die erste rot-rot-grüne Landesregierung Deutschlands. Das scheint für einige ein Problem darzustellen. Da ist (verständlicher) Frust bei den CDU-Unterstützern, dass trotzdem die Mehrheit der Thüringer eindeutig für die CDU votierte, jetzt nicht regiert wird. Verschärft wird dieses Ungerechtigkeitsempfinden dadurch, das knapp 3500 SPDler mit ihrem Mitgliederentscheid pro Koalitionsverhandlungen offenbar mehr zu sagen haben, als der Wähler. Eine Diskussion, die wir ja nach der letzten Bundestagswahl schon hatten. Ich persönlich glaube nicht, dass die SPD hier ihr verfassungsgemäßes Recht, an der politischen Willensbildung teilzunehmen, überspannt. Ich freue mich als Mitglied der Partei, dass Mitgliederentscheide inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit werden und hoffe, dass wir das bei der Wahl des nächsten KanzlerkandidatIn auch so machen!

Jetzt aber zur SED-Nachfolgepartei. Darüber wird ja seitdem der Bupräsi letzte Woche seine Befindlichkeit mitgeteilt hat, wieder gesprochen. Gauck darf sagen, was er will und vielen älteren widerständigen DDR-Bürgern wird er aus der Seele gesprochen haben. Unabhängig davon: wir reden ja hier von einer Koalition, nicht von einem Parteienzusammenschluss. Es soll ein paar Jahre gemeinsam regiert werden, wenn das gut läuft, vielleicht länger. Jedenfalls haben die Thüringer in fünf Jahren ja wieder eine Wahl und wenn es ihnen nicht geschmeckt hat, dann wählen sie eben wieder CDU. Auf den Wechsel würde ich es aber ankommen lassen nach 25 Jahren CDU. Was die aktuelle Linkspartei (vor allem in der Außenpolitik angeht) trifft Lenz Jacobsen auf ZEITonline den Nagel auf den Kopf. Ich befürchte, so wird aus Rot-Rot-Grün im Bund noch nicht mal eine Alternative.

Bilder von Früher
Ein paar interessante und auch ästhetisch schöne Bilder aus der DDR hält das ZEIT-Magazin bereit.

Feiern unter Heiden
Religiöse Jugendfeiern sind im Kommen. Jedenfalls werden sie manchenorts durchgeführt. Wie unterscheiden sich sich von der Konfirmation und von der Jugendweihe? Was gilt es aus der Praxis für die Theologie zu lernen und umgekehrt. Damit beschäftigt sich im April eine Tagung an der Theologischen Fakultät in Halle. Ein ähnliches Verhalten der Heiden – nur bei der Taufe – beschreibt Katrin Hummel für die FAZ.

Das moderne Schicksal der 95 Thesen
Alf Frommer schreibt auf dem Blog Siegstyle einen Text zur aktuellen Lage des Journalismus (via kiezneurotiker). (Ergänzung 6.11.2014: Hier muss ich mich geirrt haben, den Link habe ich von woanders her, jedenfalls – glaube ich – nicht vom kiezneurotiker. Ich konnte ihn dort auf alle Fälle nicht mehr finden. Ansonsten ist sein Blog aber eines der unterhaltsamsten, das ich kenne. Und seine Lesenswertlisten eine Hauptquelle für meine Touren durch die Blogosphäre. Auch er ist also so etwas wie ein „Aggregator der Blogosphäre“ für mich.) Der ist so schon lesenswert. Er leitet seinen Artikel mit einem kleine Gedankenspiel ein: Lesen ist wichtig, war schon wichtig zu Luthers Zeiten. Was würde mit den Thesen geschehen, wenn sie heute veröffentlicht würden? Um das Bild mit Hammer und Nagel noch einmal in Anspruch zu nehmen: er trifft ihn auf den Kopf.

„Lesen ist eine unheimlich beglückende Tätigkeit. Sie ist Informationsvermittlung oder auch nur Ablenkung. Sie kann im besten Falle eine Weltreise sein, bei der man sich keinen Zentimeter vom Fleck bewegt. Lesen hat Gesellschaften verändert, Revolutionen erst möglich gemacht. Luthers Thesen wären nichts gewesen, wenn er sie nicht auf ein Blatt Papier geschrieben hätte. Heute würde er sie wahrscheinlich ins Netz stellen und die Menschen würden es in sozialen Netzwerken teilen. Buzzfeed würde eine Liste posten: „95 Thesen, für die sich Menschen unter 25 überhaupt nicht mehr interessieren.“ Heftig würde vermutlich in typischer Clickbait-Lyrik sagen: “95 Thesen, die das Christentum auf den Kopf stellen, bei Nummer 34 trittst du endgültig aus der katholischen Kirche aus.“ Bei BILD Plus würde es heißen: „Exklusiv-Interview mit dem Ostdeutschen, der mit seinen Thesen Europa in Aufruhr bringt.“ Einen Tag später kann man das dann umsonst bei Focus Online nachlesen.“

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