Ich bin nicht Charlie Hebdo

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Ich will es einmal herunterreißen: Angst bringt im Menschen entweder das Schlechteste oder das Beste hervor, was er zu bieten hat. Gesellschaften reagieren auf Angst entweder mit Ausgrenzung oder aber mit Solidarität. Solidarität zu üben ist ein Zeichen für die wahre Gesundheit eines Menschen, denn es legt Zeugnis von der eigenen Empathiefähigkeit ab, die uns erst zu Menschen macht. Ein öffentliches Zeichen der Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen, ja mit der angegriffenen Zunft der kritischen Journalisten, am Ende mit allen für Freiheit kämpfenden Menschen ist #JeSuisCharlie. Mir ist diese Art der Solidarität tausendfach lieber als irgendeine auch nur kleine Ausgrenzung oder ein falsches „Aber“.

Ich bin trotzdem nicht Charlie Hebdo.

Ich bin nicht Charlie Hebdo, weil ich in der Öffentlichkeit noch niemals solchen Mut bewiesen habe, beweisen musste, wie es die getöteten Karikaturisten taten. Und ich weiß nicht, ob ich im Angesicht fast täglicher Morddrohungen arbeiten könnte. Sich nicht von seiner Angst besiegen zu lassen, nicht vor der Gefahr des eigenen Todes und des Leids seiner Lieben zurückzustecken, das kommt mir unendlich schwer vor. So viel schwerer als es ist, an einem Zeichen gemeinschaftlicher Solidarität wie #JeSuisCharlie teilzunehmen. Dieser Diskrepanz wegen ist mir mulmig zu Mute.

Mir ist auch mulmig zu Mute, weil die Entstehung von #JeSuisCharlie eine klare historischen Parallele hat, Bezug nimmt auf eine fast schon historische Schlagzeile von Le Monde nach dem Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001: „Wir sind alle Amerikaner“. Und wie ich erst im letzten Sommer geschrieben habe, änderte dieser Tag tatsächlich unser aller Leben. Mehr noch als es gerade wir Jüngeren uns zu Zeiten vorstellen können. Aus „Wir sind alle Amerikaner“ wurde aus dem Mund des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder „die uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands mit den USA.

Solidarität zu üben, das soll Betroffene Trösten, sie stärken, auch eine Gemeinschaft begründen: eine Trauergemeinde und eine Wertegemeinschaft. Und Solidarität macht auch etwas mit demjenigen, der sie übt. Sie verpflichtet zu nachfolgendem Handeln. Viel Mut bedurfte es also, dass Gerhard Schröder, die deutsche Bundesregierung und auch die französischen Regierung aus ihrer uneingeschränkten Solidarität wieder austraten und nicht auch noch in den Irakkrieg zogen. Es war nur deshalb möglich, weil die Bush-Administration willentlich und wissentlich die Wertegemeinschaft, auf die sich die uneingeschränkte Solidarität bezog, aufkündigte.

Zu welcher Wertegemeinschaft verpflichtet #JeSuisCharlie? Zur offenen Gesellschaft, zur Freiheit der Presse und Kunst, die auch und im Besonderen vor religiösen Befindlichkeiten nicht Halt machen muss – das schließt die Toleranz von Blasphemie mit ein -, zur Freiheit des Lachens und des Lächerlichmachens als Form der Wahrheitsfindung. Das unterschreibe ich gerne.

Und gleichzeitig habe ich meine Zweifel, dass dies allen Solidarischen gemein ist. Natürlich nicht den Rechten, die aus dem Akt des Terrors und der Angst Profit zu schlagen versuchen. Aber auch so manchem gutmeinenden Bürger nicht. Und auch nicht jedem Christen, dem es, handelte es sich z.B. um harte Jesuskarikaturen, den Magen umdrehen würde. Ich befürchte also, dass die öffentliche, gemeinschaftliche und anstrengungsfreie Solidarität, die wir zur Zeit erleben, uns ein falsches Bild vom Zustand unserer eigenen Gesellschaft malt. Ein schöneres Bild als die Realität, das uns als Inspiration dienen kann, aber ebenso trügerisch ist.

Die angemessenste Art der Solidarität mit den Getöteten scheint mir zu sein, ihr Werk nicht zu vergessen, sondern es vor uns her zu tragen. Die angemessenste Art für mich als Christ und Theologiestudenten ist es, eine harte, böse Jesuskarikatur zu kuratieren. Als Zumutung an die Einfachkeit der Solidarität, für andere und mich selbst. Die Freiheit muss man aushalten können.

Ich bin nicht Charlie Hebdo. Ich wäre es gerne.

7 Kommentare

  1. Es geht nicht darum, dass man den selben Mut wie die Karikaturisten aufbringen muss, um „je suis Charlie“ zu skandieren, sondern darum, dass möglichst viele Menschen und Zeitungen die Karikaturen posten bzw. dazu stehen, weil diese fanatischen Religioten nicht einen Hauch einer Chance haben, uns ALLE mit ihrer kranken Meinung zu terrorisieren geschweige denn uns alle umzubringen.

    • Das sehe ich ganz genau so. Religion sollte einem nie den Mund verbieten. Was wäre das für eine Gesellschaft, wenn es soweit käme.

      • In der Geschichte vor sehr vielen Jahren lebten die Menschen egal welcher Herkunft ausschließlich nach den Regeln ihrer Religion und konnten trotzdem Frieden finden. Heute muss man zwei mal überlegen wen man seine Konfession offenbart falls man den immernoch eine hat. Wir leben in einer traurigen Zeit was dieser Artikel noch mal wunderbar darstellt. Leider ist in unserer Zeit Toleranz Respekt und vor allem gegenseitige Achtung Mangelware.

  2. Sprüche 10
    Den Segen hat das Haupt des Gerechten; aber den Mund der Gottlosen wird ihr Frevel überfallen.6
    Des Gerechten Mund ist ein Brunnen des Lebens; aber den Mund der Gottlosen wird ihr Frevel überfallen.11
    Die Furcht des HERRN mehrt die Tage; aber die Jahre der Gottlosen werden verkürzt.27

  3. Ich sehe das genauso wie TeslaDriver. Aber Charlie Hebdo ist seit dem Anschlag sowieso ein heikles Thema geworden. Meiner Ansicht nach ist das mit den Religionskriegen und Anschlägen viel zu extrem geworden und wird auch immer extremer. Ich weiß wirklich nicht wo das alles noch hinführen soll. Die späteren Generationen tun mir jetzt schon leid.

    Gruß,
    Sabrina

  4. Es ist schon unfassbar, dass es soweit gekommen ist. Man muss mittlerweile wegen einer Karikatur um sein Leben fürchten.

  5. Religion ist im 21. Jahrhundert viel zu mächtig geworden! Das sollte sich schleunigst ändern.

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