Händchenhalten

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Vom Blog Kirchengeschichten habe ich einen Ausschnitt eines wunderbaren Kommentars zu diesem Interview von Deutschlandradio Kultur mit dem Theologen Kristian Fechtner für Euch:

„Und ich bin etwas ratlos. Weil ich mich frage, ob hier nicht, wie das sonst immer bei den EKD-Mitgliedsuntersuchungen der Fall ist, ein eigentlich defizitärer Befund und damit der eigentlich unbefriedigende status quo theologisch geadelt werden soll. Weil ich den statistischen Beleg dafür vermisse, dass Kirchgängerinnen landauf und landab allsonntäglich mit „bunten Zetteln“ oder ähnlichen Anleihen aus Primarpädagogik und Moderationsworkshops gequält werden. Meine Wahrnehmung ist da eine andere. In den letzten Gottesdiensten, die ich in Urlaubs- und predigtfreien Zeiten in fremden Städten besucht habe, hat man im vorauseilenden Gehorsam auf Fechtner gehört und mich „undercover im Gottesdienst unterwegs sein“ lassen: Mein Gesangbuch durfte ich mir selbst aus einem Regal ziehen oder aus der Hand von Gemeindegliedern entgegennehmen, die eher nach Wachtposten als nach Willkommenskomitee aussahen.“

Und weiter unten:

„Die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich als fremder Gottesdienstbesucher mit den anderen Mitfeiernden in Kontakt gekommen bin, war beim Abendmahl. Ausnahmslos wurde sich da ans Händchen genommen, eine Praxis, die in der aktuellen liturgiewissenschaftlichen Debatte aus nachvollziehbaren Gründen keinen guten Stand hat (vgl. etwa Thomas Klie in Fremde Heimat Liturgie, der an dieser Stelle nicht mit Galle spart). Mir ist dieser Moment wichtig, weil mir in dem fragilen Moment der Gemeinschaft deutlich wird, dass ich Teil von etwas bin, das über meinen eigenen Horizont und die von mir selbst definierten Grenzen von Nähe und Distanz hinausgeht. Etwas, das im alltäglichen Leben peinlich und undenkbar wäre, wird für einen Moment möglich und berührend.“

Ich habe dort kurz nachgefragt, warum u.a. das Händchenhalten scheinbar in theologischen Verruf gekommen ist. Es liegt wohl an der Sorge vor „Distanzverlust, um inszenierte Kuscheligkeit, erzwungene Nähe, sowas halt“. Das kann ich alles ganz gut nachvollziehen, aber handelt es sich dabei um eine theologische Denkarbeit?

Gerade eben lese ich „English Literature – A Very Short Introduction“ von Jonathan Bate. Aus dem kleinen Büchlein habe ich eine noch kleinere Passage für unseren Singegottesdienst am letzten Wochenende in Neidhartshausen (hier die Predigt) genutzt:

Bate schreibt über den „Happyplace“ der englischen Literatur, eine Art immer wiederkehrendes Neverland oder eben Eden.

„The iron rule of such golden world is that the time will come when we have to leave it. English Literature’s most solemnly beautiful representation of the moment of departure is the end of John Milton’s Paradise Lost (1667):

They looking back, all th’eastern side beheld
Of Paradise, so late their happy seat,
Waved over by that flaming brand, the gate
With dreadful faces thronged and fiery arms:
Some natural tears they dropped, but wiped them soon;
The world was all before them, where to choose
Their place of rest, and Providence their guide:
They hand in hand with wand’ring steps and slow,
Through Eden took their solitary way.

Adam and Eve are ’solitary‘ because their act of free will in eating of the fruit of the tree of knowledge has severed them from God. But they walk ‚hand in hand‘: we have human bonds to help us through life. For Milton, this is the moment when humankind is forced to grew up.“

Teil dieses Erwachsenwerdens ist sicher das Erlangen der Erkenntnis, auf andere Menschen in vielfältigen Bezügen angewiesen zu sein. Die neue Situation der Freiheit wird erst zur Voraussetzung dafür, dass wir diese Seite des Menschseins entdecken können. Aus den Archetypen Adam und Eva wird unter diesen Bedingungen ein Paar. Die neugewonnene Freiheit ist als Erfahrungshintergrund notwendig, um die Schönheit des Zusammenseins und der Berührung überhaupt zu spüren. Paradoxerweise ist der „Fall“ die conditio sine qua non dafür, dass wir Menschen, die in unserer Art angelegte Differenz und Unvollständigkeit (nicht zuletzt der Geschlechter!) überwinden können.

Für das Händchenhalten im christlichen Gottesdienst hat das Konsequenzen: Es ist in sich Verkündigung der conditio humana, noch bevor es zur (Selbst-)Verkündigung der Gruppe wird. Solange die Teilnahme an einem solchen Ritual sensibel moderiert und zu Zeiten immer mal wieder erklärt wird, spricht nach meiner Überzeugung nichts dagegen und alles dafür, dass Christen Leute sind, die Händchen halten.

„Das Lied, das wir heute mit Euch neu singen wollen, findet ihr auf euren Liedblättern. „Gib mir deine Hand, auf Wiedersehn, Du hältst meine Hand beim Auseinandergehn“. Das soll uns erinnern, z.B. an den sog. Friedensgruß beim Abendmahl, da wünschen wir uns einander „Friede sei mir“ oder hebräisch „Shalom“.

Gerade in unserer Zeit, wo fremde Menschen selten in Berührung miteinander kommen und die Privatsphäre uns ganz wichtig ist, ist es bedenkenswert, dass wir Christen uns einander die Hand reichen und sogar Händchen halten. Es zeigt an, dass wir eine Gemeinde sind und gemeinsam durch die Zeit gehen.“ (aus der Moderation des Singegottesdienstes)

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