Gesprächiges Eisen, stumme Propheten – Andacht zur SETh-VV 2013 in Halle

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Was haben wir uns überhaupt noch zu sagen? Wer spricht eigentlich noch miteinander? Treffen wir und reden wir nur noch mit denen, deren Antworten uns vertraut vorkommen, die uns nicht verschrecken können? Was haben wir uns überhaupt noch zu sagen? Die Alten den Jungen, die Jungen den Alten? Die Arbeitslosen dem Professor? Der Bürger dem Obdachlosen? Der Ost- dem Westdeutschen? Die Katholikin dem Protestanten? Der Evangelikale dem Schwulen? Die Lesbe den Christen? Die Christen der Masse? Was haben wir uns überhaupt noch zu sagen?

Ist es so, oder kommt es mir nur so vor, dass die Sprache erneut in das Zentrum des theologischen Interesses rückt. Auch in das Interesse der Öffentlichkeit an der christlichen Religion. Mit welcher Begeisterung wird jede tonale Veränderung aus dem Vatikan aufgenommen? Ist andere Sprache schon Wandel, Erneuerung? Wie hältst Du es mit der Sprache, mit der Sagbarkeit der Dinge, auch der Gegenstände der Theologie? Auf welche Seite willst Du dich schlagen? Können wir über Gott und die Menschen sprechen? Nur in Widersprüchen, nur dialektisch? Oder auch konkret. Es ist unsere Sprache die Grenze unserer Welt. Ernüchternd wie eng unsere Welt geworden ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen?

Ich wünschte mir manchmal mehr Schweigen.

Kurz vor dem letzten Weihnachtsfest entstand aus einer Bierlaune heraus ein Bullshit-Bingo für die Predigt am Heiligen Abend. 3 x 3 Phrasen zum Abkreuzen beim Kirchgang. „Und weil sich Gott ganz verschenkt, können auch wir Liebe schenken.“ , „Lassen sie auch uns an die Krippe treten“ , „Gott macht sich ganz klein, damit wir groß werden“ , „Gott wird einer von uns“ und „Es will Weihnachten werden …“ Wer drei in einer Reihe hat, steht auf und ruft „Bullshit!“. Es ist wohl niemand aufgestanden, aber Hunderte nahmen das Bullshit-Bingo mit. Im Herzen den Wunsch, nicht mit Phrasen abgepredigt zu werden.

Nein, es will nicht Weihnachten werden. Dafür sorgen wir selbst. Wir sind es auch, die an der allgemeinen Sprachverwirrung teilhaben, sie gar vorantreiben. Jede Phrase verhüllt wirkliche Anfragen. Wenn es nicht einfach Weihnachten wird, wer wäre dann dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass wirklich Weihnachten würde – und was heißt das eigentlich?

Ich wünschte mir manchmal mehr Schweigen.
Ich wünschte mir manchmal mehr Reden.

Hier beim SETh. Was wollen wir miteinander besprechen? Nutzen wir die Möglichkeit der Versammlung. Wie läuft unser gesellschaftlicher Diskurs? Wer spricht wo mit wem über was mit welcher Intention? Ich frage nicht nach dem Beitrag der Theologie, dem Beitrag irgendeiner Kirche. Ich frage nach dem Beitrag dieser Generation von Theologiestudierenden. Können wir aneinander das Wort richten? Werden wir provokant, maßen wir uns Autorität zu? Scheuen wir nicht den Zorn, den Spott. All die Stilmittel, die aus unseren Kirchen ausgezogen sind.

Können wir aneinander das Wort richten als Ratschlag oder auch als Ermahnung? Den Katholiken mehr Freiheit wünschen und abfordern. Den Protestanten mehr Herz und Gefühl. Den Frommen die Aufklärung, und den Aufgeklärten mehr Nachsicht zumuten?
Zwei Dinge scheinen mir dafür notwendig zu sein:

1) Wir brauchen neue Propheten. Wer von uns glaubt, eine prophetische Gabe zu haben? Das ist keine rhetorische Frage. Wer von uns wird sich trauen, seine Stimme zu erheben? Sind es die, die von ihrer Berufung erzählen – „Ich fühle mich von Gott geführt, Pfarrer zu werden.“ – oder sind es die, die von ihrer Berufung nichts ahnen und unter ihr leiden. „Ach Herr, HERR, ich tauge nicht, zu predigen; denn ich bin zu jung.“Lut „Herr, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“Lut. Wer wird den Mut haben, der niedrigste Mann, die erbärmlichste Frau im Lande zu sein; sich lächerlich zu machen. Nichts mehr zu haben, was man vorzeigen könnte, nichts zu verteidigen, nichts vorzuleben. Ist es nicht das, was die Propheten eint? Ist es nicht das, was Jesaja, Jeremia, Franziskus und all die anderen teilen?

2) Ein Gedicht von Bertolt Brecht:

Eisen
Im Traum heute Nacht
Sah ich einen großen Sturm.
Ins Baugerüst griff er
Den Bauschragen riß er
Den eisernen, abwärts.
Doch was da aus Holz war
Bog sich und blieb.

Klingt auch prophetisch, diese Träumerei. Was da aus Holz war, blieb. Was haben wir uns überhaupt noch zu sagen? Das heißt das eiserne Gerüst der Sicherheit der eigenen Überzeugungen, der alten Traditionen, der amtskirchlichen Autorität abzuwerfen. Der Sturm reißt sie abwärts. Ohne Krücken, ohne Gerüst in das Gespräch zu gehen. Auf schwankendem Boden, einer hölzernen Planke gleich. Widersprüche aushaltend, Antworten vermeidend, es bei Entgegnungen – Begegnungen belassen. Dazu nutzt uns eine progressive Theologie.

Unsere einzige Möglichkeit ist die, da raus zu gehen. In die Gespräche, von mir aus auch in die Diskurse, in den Streit, an die Theken, in die Stadien, auf die Arbeitsämter, an die Dorfhaltestelle, an der sich die Jugend trifft. „Wo zwei oder drei versammelt sind“ ist der Anfang. Der Anfang des Glaubens, der im Gespräch entsteht. Der mögliche Anfang einer Katalysationswirkung der Christenheit für gesellschaftliche und politische Erneuerung. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“, das ist die Hoffnung: auf gelingende Gemeinschaft – Kommunion, auf Frieden und Verständnis. „Da bin ich mitten unter ihnen“.

Amen.

 


Die Andacht wurde zu Beginn der Tagung (24. bis 26. Mai 2013) am Freitagabend in der Evangelischen St. Georgskapelle der Franckeschen Stiftungen zu Halle gehalten. Vor drei Jahren, zur letzten SETh-VV in Halle, habe ich ebenfalls die Abendandacht halten dürfen.

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