Es könnt alles so einfach sein …

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Mir brummt der Schädel. Nicht vom Glühwein, sondern von der Diskussion um die #Pegida- und #NoPegida-Demonstrationen. Wie so viele stehe ich im Grunde ratlos da und versuche mir einen Reim darauf zu machen, was es mit den Protesten auf sich hat. Wer profitiert von ihnen und instrumentalisiert sie für eigene politische Ziele? Warum nehmen offensichtlich immer mehr Bürger an den Demonstrationen gegen Asylbewerber und Islamisierung teil? Und vor allem bin ich wütend, dass Bürger unseres Landes ihre Angst vor der Islamisierung Europas mit der Frage nach Aufnahme verfolgter Menschen verknüpfen.

In der letzten Woche haben wir Interviews mit Teilnehmern der Pegida-Demos gesehen. Sie sind erschütternd, weil in ihnen deutlich wird, dass eine gemeinsame Gesprächsgrundlage nirgends zu entdecken ist. Wie will man miteinander diskutieren, wenn die Faktenbasis geleugnet wird? Das Vertrauen in die Politik, in die Presse ist bei vielen der Demonstranten zerrüttet. Es ist soweit gekommen, dass selbst Zahlen zum Beispiel der Statistischen Landesämter als gefälscht hingestellt werden.

Daran haben nicht nur Verschwörungstheoretiker Schuld, auch Politiker und Politikerinnen, Journalisten und Journalistinnen, aufrechte Demokraten müssen sich fragen, was sie zu diesem Vertrauensverlust beigetragen haben. Wie häufig dreschen auch wir auf der Politik, der Presse herum, so dass ihre Vertrauenswürdigkeit bis ins Mark erschüttert worden ist?

Meine Verantwortung: Mein Nachdenken, mein Fühlen, mein Handeln
Es ist gefährlich, dass wir die Institutionen unserer Demokratie auf diese Weise beschädigen. Wir werden sie noch brauchen, wenn es darum geht, das Grundgesetz und die Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen. Es ist widersinnig auf einzelne Systeme der Demokratie wie die Politiker oder die Presse zu schimpfen, wenn doch das Eigentümliche der Demokratie gerade in der Verantwortlichkeit des Individuums für sein eigenes Denken und Handeln und die res publica besteht.

Es ist in Deutschland erlaubt – von wegen „das wird man ja wohl nach sagen dürfen“ – und erwünscht, Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker für ihre konkrete Arbeit zu kritisieren. Diese gegenseitige Kritik ist fundamental für eine freiheitliche Demokratie. Dazu gehört auch, von den Kritikern – das heißt, von uns – einzufordern, ihre Kritik maßvoll und zielgerichtet vorzubringen.

In der letzten Woche haben viele von uns geschickte und lustige Parodien über die Pegida gelesen und angeschaut, in den sozialen Netzwerken geteilt und uns darüber amüsiert. Manchmal, so scheint es, kann man gar nichts anderes gegen den Kloß im eigenen Hals tun, als herzhaft aufzulachen. Ironie und Parodie sind geeignete Stilmittel, denn sie helfen Gutes vom Bösen, Schönes vom Hässlichen zu unterscheiden. Doch das Gefeixe über die Pegida-Demonstranten hat selbst etwas unangenehm Stammtischhaftes bekommen.

Der Stammtisch ist als imaginärer Ort zur Chiffre geworden für eine Diskussion, die ohne Fakten in Übertreibungen und Verallgemeinerungen geführt wird. Er ist der Lieblingsort der Hetzer, weil er alle Rationalität ausschließt. Weil er das verneint, was heute umso wichtiger erscheint: in Ruhe selbst denken und emphatisches Mitfühlen. Wer diktiert den Stil dieser Diskussion? Muss ich mich an den Stammtisch zwingen lassen?

Wenn wir allesamt am Stammtisch hocken, bleiben die Plätze am Tisch des Herrn frei. Christen und Christinnen, Kirchenleute und auch Bischöfe müssen sich gut überlegen, mit wem sie das Gespräch suchen wollen: mit den Mitläufern, den verängstigten Bürgern oder mit den Denkern und Lenkern hinter Pegida, die uralte Ressentiments und ihre rechtsextreme politische Agenda salonfähig machen wollen. Einfach zum Dialog aufzurufen, damit ist es nicht getan!

Es könnt alles so einfach sein, isses aber nicht!
In Dresden werden heute Abend wieder Tausende gegen Asylbewerber und Islamisierung auf die Straße gehen. Sie wollen Kerzen mitbringen und Weihnachtslieder anstimmen zum Schutz des Abendlandes. Auf einem Bild von der Pegida-Demonstration der letzten Woche habe ich ein mannshohes Pappkreuz gesehen, es war schwarz-rot-gold angemalt. Die Kirchen und einzelne Christen haben kein Copyright an Weihnachten.

Aber ich werde am Montag bei den Menschen stehen und mit ihnen durch die Straßen meiner Heimatstadt ziehen, die wahrscheinlich keine Kerzen, keine Weihnachtslieder auf den Lippen und ganz sicher keine deutschen Kreuze mit sich herumtragen. Ich werde mit ihnen gehen, weil sie, obwohl es unter ihnen viele Heiden gibt, verstanden haben, dass Brot genug für alle da ist. Ich werde am Montag mit den Hunden schreien.


Dieser Artikel erschien am 22. Dezember 2014 als Teil der wöchentlichen Kolumne „Moment mal“ auf theologiestudierende.de.

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