Erinnerung an Deutschland

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Gestern Nacht laß ich einen beeindruckenden Text von Stefan Willeke auf ZEITonline. (Der zweite Großtext binnen weniger Tage.) Er hat mich nach und trotz der ganzen Bauchschmerzen, die mir #Pegida zur Zeit bereitet, an ein Deutschland erinnert, in dem ich gerne lebe und das gerne an vielmehr Stellen noch so sein kann, wie er es in einem nur kurzen Absatz beschreibt.

„Wer sich in diesen Fall vertieft, erfährt etwas über Geduld in der Politik und die bewundernswerte Beharrlichkeit einer Demokratie. Die Bundesrepublik ist strikt gegen die Todesstrafe. Das Prinzip lässt sich nicht dadurch auf die Probe stellen, dass ein Häftling es der Bundesregierung schwer macht, ihn vor dem Tod zu bewahren. Das Prinzip ist immun gegen Menschen, die davon profitieren. Lutz Schuster müsste sich sogar damit abfinden, dass sein Staat ihn auch dann noch zu retten versucht, wenn er sich selbst aufgegeben hat. Gegen die Grundsätze seiner Demokratie in der Heimat ist er machtlos. Das sagt zwar nichts über Lutz Schuster, aber viel über die moralische Kraft eines Rechtsstaates.“ – aus Diplomatie für einen Mörder von Stefan Willeke

Eine Neuentdeckung für mich ist der Blog von Mervy Kay (@mervykay) aka primamuslima (Vorstellung auf dem Featurette-Blog). Neben vielen weiteren interessanten Beiträgen (z.B. dem hier über Moscheegemeinden) findet sich unter anderem diese Geschichte, die nicht auf wahren Begebenheiten beruht.

„Am Abend kamen die Muslime und ihre Freunde, Alte und Junge, Arme und Reiche zum Festmahl. Jeder hatte etwas mitgebracht. Ob köstliche Speisen, Desserts oder ihre Bittgebete. Keiner kam mit leeren Händen und keiner kam ohne ein strahlendes Gesicht.

Der ganze heilige Monat war erfüllt mit Freude und Segen und in vielen darauf folgenden Jahren erneuerte sich das Geschenk von Allah und jedes Mal übten die Muslime Genügsamkeit und Großzügigkeit und teilten ihr Glück mit ihren Nachbarn.“ – aus Diese Geschichte beruht nicht auf wahren Begebenheiten von Mervy Kay

 

Gestern waren in vielen Online-Zeitungen des Landes Nachrufe auf Ulrich Beck zu lesen. Gleichwohl ich von ihm gehört habe und vermeine ihn in verschiedenen Fernsehsendungen gesehen zu haben, habe ich mich mit seinen Büchern noch nicht weiter auseinandergesetzt. Mein Interesse an den Nachrufen war auch eher taktischer (oder freundlicher: literarischer) Art. Die Kunst des Nachrufens halte ich nämlich für sehr wichtig, vor allem in einem Land, dem die prägenden Gestalten wegsterben und es längst nicht ausgemacht ist, wer an ihre Stelle treten wird.

An einem der Feiertagsabende nach Weihnachten saß ich mit ein paar Freunden zusammen und wir überlegten, wer für uns in Deutschland in eine Bekanntheits- und Beliebtheits, ja Bedeutungskategorie wie der gerade erst verstorbene Udo Jürgens gehört. Außer Herbert Grönemeyer und einer Riege alter Denker (denen es wohl inzwischen  – vielleicht nicht zu Unrecht – bei der jüngeren Generation an Bekanntheit und Beliebtheit fehlt) wurde es uns tatsächlich schwer. Beim Lesen des Nachrufs auf Ulrich Beck von Stefan Reinecke gestern in der taz wurde mir das noch einmal bewusst. Über wen könnte man heute und morgen schon einen solchen auch schönen Satz schreiben?

„Er war einer von uns. Der Klügste, wahrscheinlich.“

 

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