Ein Lob auf Stuckrad-Barre

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Das fällt schwer. Auf den ersten Blick wirkt Benjamin von Stuckrad-Barre  wie der „Hanswurst mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“, als der er vor Jahren beschrieben wurde. Heute nutzt er diese Passage zur ironischen Selbstbeschreibung, gerne und häufig. Die erste Welle des „Stucki“-Fantums ist aus Altersgründen an mir vorbei gegangen. Mein Erstkontakt war die sehr gute Sendung Stuckrad Late Night. Es gab also auf ZDFneo durchaus mal Sendungen, die das Einschalten in der Mediathek lohnten. Dank Denis Scheck, der Stuckrad-Barre in seiner Sendung Druckfrisch brachte, laß ich Auch Deutsche unter den Opfern (Rezension des Horbuchs). Es folgten die anderen Bücher, mit Ausnahme seines Romans „Soloalbum“. Ich neige dazu, Scheck zuzustimmen: Stuckrad-Barre ist der beste Chronist der Gegenwart unseres Landes. Immerhin.

Deutsches Theater
Im Wesentlichen handelt es sich bei den meisten Büchern Stuckrad-Barres um gesammelte journalistische Texte. Er begleitet oder besucht Personen und Orte des Zeitgeschehens und schreibt darüber, das wars eigentlich schon. Dies aber tut er mit hintergründigem Witz, ohne eine übertriebene Emo-Schiene, dafür aber mit erheblicher Zurückhaltung – die man ihm, kennt man seine Late Night Show, gar nicht zutraut – und wachsendem Befremden. Nebenbei lernt man etwas über Politik und Gesellschaft dieses Landes. Geschrieben ist das nicht in Mannscher Großmannsprosa, sondern in der Sprache der Zeit ohne aber gossig zu werden.

Beim Predigen geht es – u.a. – darum, seine eigene Stimme und Sprache zu finden. Der Pastorensohn Stuckrad-Barre hat seinen Ton gefunden. In seinen Texten hört man ihn sprechen – nur ein wenig ruhiger und überlegter, aber immer noch subversiv.

Spät-Abend-Schau
Seit 2010 sitzt Stuckrad-Barre immer mal wieder, zu selten, was heißt, dass er eben nicht, wie die richtig guten amerikanischen Late Night Programme, möglichst täglich läuft, in seiner eigenen Sendung. Trotzdem hat sich seine Show zur besten politischen Talkshow im deutschen Fernsehen entwickelt; das gerade dadurch, dass jede Floskelei und wirklich „ernsthafte“ politische Diskussion vom Moderator mit Gaga- (künstlersprech: Dada-) Aktionen abgwürgt wird. So kommt zwischendurch tatsächlich so etwas wie die Wahrheit ans Licht. Die große Zeit der Sendung fand tatsächlich bei ZDFneo statt, mit General (und Minister a.D.) Schönbohm und Hajo Schumacher. Bild-Boy Blome und der Typ vom Spiegel, die zurzeit das Rechts-Links-Kommentatoren-Team auf der Empore bilden, können da nicht mithalten. (Was vor allem daran liegt, dass ich Blomes Korpo-Outfit schon einmal die Woche gegen Jakob Augstein antreten sehe.) Die Sendung, in der jedes Mal eine oder ein PolitikerIn zu Gast ist, bleibt aber auch auf Tele5 sehenswert. Warum läuft diese Sendung allerdings nicht im Ersten oder im Hauptprogramm des ZDF, wo vielleicht ein paar mehr Leute zusehen würden?

Blöd
So richtig blöd an Stuckrad-Barres Schaffen – von seinem Schreibertum bei Harald Schmidt, den Reportagen und Büchern über seine Fernsehauftritte, selbst trotz des Zettl-Theaters – ist sein Exklusiv-Vertrag beim Springer-Verlag. Das sind genau die Sachen die der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner gerne macht, um es dem Rest der deutschen Medienlandschaft einmal zu zeigen. Aber was denn? Dass auch in DER WELT mal ein sehr guter, unideologischer Text steht? Geschenkt. Ohne dieses Engagement, hoffe ich, hätte Stuckrad-Barre wohl auch nicht bei der Verleihung eines Jugendpreises des Springer-Verlages geredet.

Fazit
Wenn er mal nach Halle kommt, geh ich bestimmt hin. Auch das nächste Buch kaufe ich mir. Wenn ich dran denke, schaue ich auch die Sendung mal wieder.

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