Dr Johnsons Rezept für gute Literatur

| 1 Kommentar

Samuel_Johnson_by_Joshua_ReynoldsBei der Lektüre des wundervollen kleinen Büchleins „A Very Short Introduction: English Literature“ von Jonathan Bate, habe ich das erste Mal von einem Mann gelesen, der das literarische Leben des Königreichs im späten 18. Jahrhundert geprägt hat wie kaum ein anderer: Dr Samuel Johnson. Aber nicht sein breites Wirken, sondern seine apodiktisch kurze Bestimmung dessen, was gute Literatur ist, möchte ich hier kurz vorstellen. Seine Prinzipien halte ich ebenso auch in Hinsicht auf Reden, Vorträge und Predigten für anwendbar – auch wenn man sich über ihre jeweilige Literaturhaftigkeit sicher streiten kann.

Dr Johnson
Johnson, Sohn eines Buchhändlers, brach sein Studium in Oxford ab, da er die Kosten nicht mehr tragen konnte, und wurde zunächst Lehrer. Als dieses Unternehmen scheiterte, wanderte er gemeinsam mit seinem berühmtesten Schüler David Garrick nach London. Im Vorwort seines ersten Werkes, einer Übersetzung einer Reisegeschichte, notiert er, dass die Geschichte offenlege, dass die menschliche Natur in jeder Nation die gleiche sei. In jedem Individuum und jeder Gemeinschaft finden wir „eine Mixtur aus Laster und Tugend, einen Kampf zwischen Leidenschaft und Vernunft“. In seinem Streben nach Tugend und Vernunft war Johnson unerschütterlich, gleichwohl er seine eigenen Laster und die Kräfte der Leidenschaft nie leugnete. Die Bedürftigkeit des Menschen nach moralischer und geistiger Weisung erkannte er ebenso an, wie die Wirkung der körperlichen Triebe in ihm.1

Prinzipien guter Literatur guten Schreibens / Redens
Seine Buchkritik führte Johnson nach ein paar wenigen, einfachen aber knackigen Leitsätzen durch:

I
„Nothing can please many, and please long, but just representations of general nature“. („Nichts kann vielen gefallen, und andauernd gefallen, als genaue Darstellung der allgemeinen Natur (des Wesens eines Gegenstands/Menschen“).

II
„The only end of writing is to enable the readers better to enjoy life, or better to endure it“.
(„Der einzige Zweck des Schreibens ist es, den Leser darin zu ermächtigen, sein Leben besser zu genießen oder es besser zu ertragen.“)

III
„[…] the two most engaging powers of an author. New things are made familiar, and familiar things are made new.“
(„[…] die zwei hinreißendsten Fähigkeiten eines (guten) Autors. Neue Dinge werden vertraut gemacht, und vertraute Dinge neu.“)

PS:
Der britische Autor Neil Gaiman hat 8 Regeln des Schreibens zusammengefasst (in Englisch). Über Samuel Johnson als „ersten Blogger“ schreibt Alexander Missal. Weil er gut zum Thema „Was ist „gut schreiben“?“ passt, habe ich diesen Artikel noch beim Webmaster Friday eingereiht.

Die Buchreihe A Very Short Introduction erscheint in Originalsprache bei der Oxford University Press. Insgesamt sind bereits über 200 sehr kurze Einleitungen in verschiedenste Themengebiete erschienen. Eine Rezension von mir zum Büchlein „A Very Short Introduction: The Meaning of Life“ gibt es hier.

1 eigene Übersetzung aus A Very Short Introduction: English Literature von Jonathan Bate, S. 66 f.

Ein Kommentar

  1. Hallo Herr Greifenstein,

    Kompliment, mal eine wirklich anders aufgezogene Betrachtung des Bloggens mit dem Urvater aller Blogger: Samuel Johnson… obwohl ich ihn aus dem Studium her kannte, war er mir in der Funktion des ersten Bloggers so nicht bekannt. – Und er musste nicht (wie viele seiner heutigen Kollegen): Geldverdienen mit Bloggen, oder?

    … meint Dr. Hans-Jürgen Karg

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.



*