Der bescheidene Herr Bergoglio

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Es ist nach den letzten Wochen, in denen die Nachrichten vor allem um Nordkorea und die Finanzkrise in Europa kreisten (neuerdings abgelöst durch den Terroranschlag in Boston), ein wenig in Vergessenheit geraten, mit welcher vehementen Begeisterung die Wahl Jorge Mario Bergoglios zum neuen Papst der röm.-kath. Kirche aufgenommen wurde. Die Redaktionen der deutschen Presseorgane überschlugen sich mit Ergebenheitsadressen. Einhellig war man der Meinung, dass Bergoglio jemand ist, der den Ton ganz anders setzt als sein Vorgänger, der durch Zeichen handelt und er vor allem eines ist, sehr bescheiden.

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Zeichen und Symbole
Ich will gar nicht verhehlen, dass es so scheint, als sei Bergoglio offensichtlich von dem Willen geleitet, durch sein Handeln einen Schwerpunkt seines Pontifikats zu setzen, der sich deutlich von dem seines Vorgängers Joseph Ratzinger unterscheidet. Ging es dem einen um eine intellektuelle Abwehr des Modernismus und verfing er sich in europäischen Diskursen, so geht es Bergoglio offensichtlich um etwas anderes. Nur, um was?

Zeichenhafte Handlungen, symbolische Taten haben im Christentum Gewicht. Auch wenn unsere prominentesten Symbolhandlungen – die Taufe und das Abendmahl – stärker als zuvor unter Erklärungsvorbehalt stehen, hat sich der Großteil der Christenheit doch ein Gespür für den Gehalt von Zeichen und Symbolen erhalten. Von dort aus kommen wir als Christen ja schließlich her, die wir in der Nachfolge des Mannes aus Nazareth stehen, der auch durch das Wort, mehr noch aber durch Zeichen handelte. So sehr, dass er für seine Jünger selbst zum Zeichen wurde.

Bergoglio hat durch die Wahl seines Papstnamens seine Verbundenheit zu den Idealen Franziskus von Assisis zum Ausdruck gebracht. Ja, er hat statt der Füße der Kardinäle, die einfacher Bürger gewaschen. Er verzichtet auf bestimmte Insignien seiner päpstlichen Autorität und auf manchen Teil des höfischen Protokolls. Doch die Begeisterung in der Presse ließe eher vermuten, dass er tatsächlich Veränderungen (Reformen) in Angriff genommen habe. Natürlich hat ein Symbol immer auch Anteil an der dahinterstehenden Wirklichkeit. Natürlich ist er erst wenige Wochen im Amt. Doch die große Enttäuschung der Presse (und Öffentlichkeit) ist im Überschwang des Jubels schon mit eingepreist.

Was geschehen wird
Noch vor Ablauf des ersten Jahres seines Pontifikats wird sich Franziskus einer ganz anderen (europäischen) Öffentlichkeit gegenüber sehen. Viele werden enttäuscht sein, dass er die großen Probleme seiner Kirche nicht angeht. Zu Unrecht!

An den meisten Problemen, z.B. der Sexualmoral, des Umgangs mit dem kirchlichen Reichtum, der Verfasstheit und damit Reformunwilligkeit seines Klerus, kann er gar nichts ändern. Es ist nahezu unmöglich geworden, dass ein amtierender Papst einem seiner Vorgänger in einer wichtigen Lehrentscheidung widerspricht. Den Sargdeckel über dieses Thema hat bereits das erste Vatikanum geschlossen. Noch mehr wird eine Abweichung in der Lehrmeinung dadurch erschwert, dass sein Vorgänger nach wie vor Anhänger hat, die genauso lebendig sind wie er selbst. All den Journalisten und ökumenebegeisterten Christen wünschte man, sie wüssten mehr über die innere Verfassung und das Kirchenrecht des zeitgenössischen Katholizismus.

Bei den Themen Verhütung, Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Zölibat, Demokratisierung, Priesterweihe für Frauen, innerchristlicher Dialog und Dialog mit anderen Religionen wird sich nichts tun. Weil sich nichts tun kann, so eingeschnürrt ist das Lehrgebäude der katholischen Kirche durch Jahrhunderte der Enzykliken, Beschlüsse und Dogmen. Wer sollte auch nur eines davon aufheben oder ersetzen? Mit welcher Begründung und Legitimation?

Was bleibt dann aber noch, auf das progressive Katholiken und eine liberale Öffentlichkeit hoffen können? Bergoglio mag auf den Schmuck eines Königs verzichten, ein absoluter Herrscher seiner Kirche bleibt er de jure – und de facto?

Was geschehen kann
Zwei progressive Vorhaben kann Franziskus trotzdem verfolgen, und das Urteil über sein Pontifikat wird davon abhängen, ob ihm diese gelingen. Erstens: Eine Neuordnung der vatikanischen Finanzen, verbunden mit dem Abschied der Vatikanbank nicht nur von offensichtlich kriminellen Betätigungen, sondern vom ganzen Börsenkapitalismus. Das wird Zeit und Kraft brauchen, wenn es den überhaupt versucht wird. Hier hat Franziskus gegen die Beharrungskräfte seiner Kurie zu kämpfen.

Zweitens: Er wird keine Enzyklika zurücknehmen, kein Dogma aufweichen können. Aber ähnlich wie sein Vorgänger am Ende seines Pontifikats kann er durch Verzicht führen. Ratzinger hat durch seinen Rücktritt einen neuen Maßstab für die Bewertung der Amtsfähigkeit eines Papstes gegeben, ohne die Regel, dass ein Papst bis zum Ende seines Lebens gewählt ist, auch nur in Frage gestellt zu haben. Nie hätte er sie ändern können, außer durch seinen Rücktritt selbst. Tritt Franziskus unter ähnlichen Umständen in ein paar Jahren zurück, wird sich danach kein Papst mehr anders entscheiden können. Er wird gedrängt werden, es seinen Vorgängern gleichzutun.

Auf die gleiche Weise wie Ratzinger auf die Ausübung des Papstamtes verzichtete, kann Bergoglio auf weitere Rechte des Papstes verzichten, ohne sie kirchenrechtlich in Frage zu stellen oder abzuschaffen. Seine Nachfolger würden sich lächerlich machen, wenn sie gleichob sie es dürften, wieder eine derartige Machtfülle anmaßen. Zu diesen Privilegien gehört vor allem die Wahl der Bischöfe. Ist sie gelockert und de facto in die Hände der Diözese und damit in die Hände des Kirchenvolkes gelegt, hat die innerkirchliche Demokratisierung vielleicht doch eine Chance.

Bescheidenheit = Demut ?
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Franziskus auf die Insignien (abgeleitet vom lat. signum für Zeichen) seiner Macht verzichtet, sondern ob er bereit ist, zumindest auf einen Teil seiner eigenen Macht zu verzichten und die Machtfülle des Klerus zu schleifen. Daran, und nicht an Fragen der päpstlichen Mode, wird sich zeigen, ob wir es mit einem bescheidenen Papst oder mit einem Papst zu tun haben, dessen Pontifikat bescheiden ist.

3 Kommentare

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  2. Das gefällt mir.
    Auch ich bin gespannt, wie die Lage in unserer Kirche in einem Jahr sein wird. Papst Franziskus bewirkt viel durch seine bloße Handlungsweise. Eine Reform der Kurie hat er bereits in Gang gesetzt.

  3. Der vielleicht wesentlichste Unterschied zwischen Jorge Mario Bergoglio und seinem Vorgänger ist der, dass der Argentinier ganz offenkundig ein charismatischer Mann der Tat ist. Der unbestritten als theologischer Theoretiker von Weltruf geltende Joseph Ratzinger wird möglicherweise das zweifelhafte Vergnügen haben, zum Zeugen zu werden, wie sein Nachfolger in unbefangener Weise Dinge anpackt, die der Kurie bisher an sich als „heilige Kühe“ gelten – und damit sind eben keineswegs der päpstliche Dresscode oder zeremonielle Spitzfindigkeiten gemeint.
    Natürlich ist – wie Sie schreiben – auch klar, dass Papst Bergoglio keine doktrinären Vorgaben, die nach römisch-katholischer Auffassung als Glaubensgut zu werten sind (in diesem Kontext ist etwa an das leidige Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit zu denken) aufgeben kann oder wird – letztendlich liefe das dann ja auf die absolute Infragestellung der eigenen Institution hinaus. Andererseits (ich muss dazu sagen, dass ich selbst nicht katholisch bin) finde ich es mehr als unsinnig, wenn im Zuge der medialen Berichterstattung über den neuen Papst gebetsmühlenartig wiederholt wurde, dass er ja eigentlich so „konservativ“ sei – und dann immer wieder auf seine negative Haltung zu Abtreibung und Homoehe hingewiesen wurde ! Es scheinen diese Dinge manchen ganz offenbar als einzig entscheidend zu gelten, um daran dann Kriterien des „Fortschritts“ oder der „Rückständigkeit“ festzumachen.
    In der Tat geht es ihm um Grundhaltungen – Authentizität und Glaubwürdigkeit; klarerweise sollte dies vor allem in der Erarbeitung von Konzepten in großen Zusammenhängen deutlich werden. Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass den Menschen (zumal im religiösen Kontext) gerade eben symbolische Handlungen diese persönlich-bescheidene Einstellung des „Neuen“ umso eindrücklicher vor Augen führen. Liest oder hört man dann, was Bergoglio schon in Buenos Aires zu Themen wie Aufgabe und Sendung der Kirche, zwischenmenschliche Solidarität, christliche Menschenlehre oder Erlösung zu sagen hatte, dann rundet sich das Bild.
    Jorge Bergoglio ist – bei aller grundsätzlichen Treue zu den römisch-katholischen Prinzipien – aber auch ein Mann, der ganz offenkundig über genug Mut und Entschlossenheit verfügt, den Finger in offene Wunden zu legen. Dabei ist jedoch nicht zu unterschätzen, dass er (im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern) kein vom abendländischen Kulturpessimismus und der daraus resultierenden Tendenz zur Weltverbesserung Infizierter ist. Trotz seiner europäischen Wurzeln gehört er doch voll und ganz der „Neuen Welt“ an; es ist jetzt schon zu erkennen, dass er einen wesentlich anderen Zugang zu den ihm begegnenden Herausforderungen und Fragen finden kann.

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