Beunruhigend schlecht – Huffington Post Deutschland über Eltern und Kinder

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Meine tägliche Runde durch das Internet beinhaltet einen Abstecher bei Felix Schwenzel (@diplix). In seinen Links des Tages finde ich immer (ja, wirklich) irgendetwas, dass ich mit Gewinn lesen oder anschauen kann. Heute z.B. verlinkt er auf die 10000flies.de: Like-Medien und Blogcharts – Ausgabe 1/2014 und spottet ein wenig über die Huffington Post Deutschland. Sein Fazit: „grossartiger start der huffington post in deutschland also. mit recycelten und übersetzten texten.“

Worum geht es?
Die Huffington Post hat in Deutschland keinen besonders guten Start hinbekommen. Das endgültig zu beurteilen, nehme ich mir aber gar nicht raus. Hab dafür von Medien am Ende doch zu wenig Ahnung. Aber, sehe ich mir meine Filterblase so an, kommt die HuffPo Deutschland da überhaupt nie (ja, wirklich), nie vor. Nun hat die HuffPo kürzlich ihr Ergebnis in der von 10000flies aufgeschriebenen Rangliste verbessert. Diese listet nicht nach Anzahl der Zugriffe, sondern nach der Verbreitung der Inhalte in den Sozialen Medien durch Shares, Likes, Tweets.

Ihren Aufschwung hat die HuffPo allein zwei Artikeln der us-amerikanischen Bloggerin Rachel Macy Stafford (englische Selbstvorstellung, unbedingt lesenswert) zu verdanken, die für die deutsche Ausgabe übersetzt wurden. Übersetzungscontent gehört für die deutsche HuffPo seit ihrem Start im letzten Herbst zum Tagesgeschäft; sicher in höherem Maß als anderswo, aber überhaupt nicht beunruhigend. Es gibt ja nach wie vor Leute (und nicht zu knapp), für die das Internet an der eigenen Muttersprachgrenze aufhört. Diese Grenze durch Übersetzungen zu überspringen, kann – je nach Qualität des Geschriebenen – sehr nutzbringend sein. Was mich zu meinem eigentlichen Problem bringt.

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Nicht von schlechten Eltern
Ich kann mich hier, der Kürze der Zeit wegen, nur mit einem der beiden Erfolgsartikel beschäftigen. Der Artikel „Der Tag, an dem ich aufhörte „Beeil dich“ zu sagen“ (englischsprachiges Original) ist auf viele verschiedene Weisen beunruhigend schlecht. Auf die Frage, ob ich denn den Inhalt des Artikels, den Umgang mit Kindern, bewerten dürfe, muss ich leider – ähnlich wie dazumal Herr Angelo aus dem Fernsehen – verschmitzt antworten: „Ich habe gar keine Kinder“. Aber um festzustellen, dass es für den Umgang mit einem trödelnden Kind bzw. einem Kind mit so großer Neugier für seine Umgebung, dass es die Pläne Erwachsener über den Haufen wirft, fundiertere Ratschläge als „Entspann Dich mal, dein Kind hat Recht“ gibt, dazu braucht man nicht selbst Elternteil zu sein. So schön es ist, entspannte Eltern zu erleben, so viel Verständnis habe ich für Eltern, die Dinge einfach auch mal erledigt kriegen wollen. Da ist mir Rachel Stafford zu viel Bullerbü und zu wenig Realität. Aber gut, jeder liest ja gerne mal ein entrückt-besinnliches Stück, wenn es gut geschrieben ist.

Klägliche Schreibe
Ist es aber nicht. Schon das Original trieft vor Pathos und Plattitüde. Eine Eigenschaft mancher us-amerikanischer Blogger. Vor allem derer, die wenig tatsächliche Sorgen Teil ihres Alltags nennen müssen. Und natürlich ist das eigene Kind einem das Liebste, was sich vor allem darin niederschlägt, dass man ohne das liebe Kind dies und jenes nie gelernt hätte, dass das liebe Kind einen ganz anderen und unverstellten Blick auf das Leben eröffnet, usw. usw.. Das alles lässt sich auf den Satz bringen: Kinder sind anders. Im pathetischen Duktus Staffords wird diese eigentlich simple Tatsache aber zu einem Lob der Naivität und der Weltflucht, von dem ich meine, dass sie jedes schufftende Elternteil eigentlich beleidigen müsste.

„Ich war jemand, der ein kleines Kind, das einfach nur das Leben genießen wollte, herumschubste und unterdrückte. Auf einmal sah ich mit aller Deutlichkeit, welchen Schaden mein gestresstes Dasein bei meinen Kindern anrichtete. Mit zitternder Stimme blickte ich meinem jüngsten Kind in die Augen und sagte: „Es tut mir so leid, dass ich dich immer dränge. Ich finde es toll, dass du dir für alles Zeit nimmst, und ich wäre gerne mehr wie du.“ Beide Kinder waren von meinem schmerzvollen Eingeständnis gleichermaßen erstaunt. Doch das Gesicht meiner Jüngsten spiegelte ganz unmissverständlich einen Ausdruck von Billigung und Akzeptanz wider.“ (aus dem Artikel von Rachel Macy Stafford)

Wohl gemerkt, was hier mit dem ernstesten Vokabular beschrieben wird, ist die vormalige Angewohnheit der Autorin, ihre kleine Tochter – zugegeben recht häufig und ausdauernd – darauf hinzuweisen, sich einmal „zu beeilen“.

Die Übersetzung übernimmt diese Haltung ungebrochen, genauso wie einige eigentümlich englische Formulierungen. Aber gut, sonst würde ja der kostensparende Faktor der Übersetzung kleiner werden. Und wer bemerkt das noch? Penetranter ist aber das Layout des Artikels (aller Artikel von Stafford): Zerstückelt an der Grenze zur Unlesbarkeit, die Bilder ohne Liebe hineingeflanscht.

So, egal.
Es ist ja niemand gezwungen, das zu lesen. Ich war seit dem Launch der Seite nicht mehr dort und ohne den 10000flies-Erfolg wäre es wohl noch länger so geblieben. Weil ich diesen naiven Unfug in schlechter Machart aber nun einmal gelesen habe, stellt sich mir schon die Frage: Was haben nur so viele Leute an diesem (und dem anderen) Artikel gefunden, dass ihre Shares, Likes, Tweets die HuffPo Deutschland so nach vorne katapultierten? Wer an Stories mit Kindern interessiert ist, der ist bei einer Reihe deutscher Bloggerinnen und Blogger besser dran. Dort – z.B. bei das Nuf (@dasnuf) – wird das Genre mit Haltung und Stil vertreten. So gut, dass man auch als Mittzwanziger ohne eigene Kinder schmunzeln kann.

2 Kommentare

  1. Danke!

    „Zerstückelt an der Grenze zur Unlesbarkeit, die Bilder ohne Liebe hineingeflanscht.“

    Das ist es, was mich generell an der HuffPost stört – ob Deutsch oder Englisch. Das Layout der Seite ist einfach grottig, aufdringlich und unseriös.

  2. Ein völlig oberflächliches Zeilen-Geschiebe und Buchstaben-Würfeln. Jeder halbwegs gute Blogger gibt sich mehr Mühe mit Text, Bild und Layout … was woanders funktioniert, wird hier in Bälde abgestraft. Das hat mit dem hohen Wert der Zeitung hierzulande und in Europa allgemein zu tun.

    Ich habe mir voller Erwartung gerne die Seite abonniert gehabt, aber – wie der Artikel hier es selbst beschreibt – war ich seit ewiger Zeit nicht mehr dort … es zieht mich auch Nichts wirklich dort hin. Da sind mit die abonnierten RSS-Feeds lieber … kurze Sätze, dafür mit Prägnanz und hoher textlicher Qualität, eben komprimierte Infos … die HuffPo geht bald in den „Po“, das ist nur noch wenige Monate hin … ich bin mir sicher!

    Michael Marheine

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