Are you lonely just like me? – Predigt am 16. August 2015 in Andenhausen

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Unser Evangelium und Predigttext aus dem Lukasevangelium (Lukas 7, 36-50) erzählt uns eine wohlbekannte Geschichte. Die Geschichte der armen Sünderin, die zu Jesus kommt und von ihm angenommen wird. Wir erinnern uns an die Ehebrecherin, die vor Jesus gebracht wird, damit er sie verurteilt. Und daran wie er nur sagte „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ und sich auf den Boden setzte und im Sand herum malte.

I

Und wir erinnern uns an Maria Magdalena, die Berühmteste unter den Frauen, die Jesus folgten, bis unter das Kreuz. Auch sie eine Sünderin. Was ist damit eigentlich gemeint?

Hier in unserem Text ist damit eine Prostituierte gemeint. Auch deshalb wurde er mit anderen Stellen gemeinsam in die Geschichte der Maria aus Magdala eingetragen. Es sind ja auch sinnliche, zärtliche Szenen, die hier geschehen – sie tritt von hinten an Jesus heran, mit ihren Tränen wäscht sie seine Füße, mit ihren Haaren trocknet sie sie, dann küsst sie seine Füße und salbt sie mit kostbarem Öl.

Wir kennen aus den Geschichten, die wir jeden Tag hören, lesen und im Fernsehen schauen ja vor allem diese beiden Frauengeschichten:

Erstens, die Geschichte der reinen Jungfrau, des keuschen Bauernmädels, des reinen Mädchens, dass den Mann, der irgendein Problem hat, rettet. So ist es bei „My fair Lady“, so ist es in vielen Fernsehfilmen. Und in der Bibel finden wir vielleicht das Vorbild für diese erste Art von Frauengeschichten, nämlich in Maria, der Mutter Jesu.

Zweitens, die Geschichte der gefallenen Frau, der femme fatale, der Sünderin, gar der Prostituierten, die von einem Mann – einem Märchenprinze gleich – gerettet werden muss. So ist es z.B. in „Pretty Woman“ mit Julia Roberts, die eine Prostituierte, und Richard Gere, der einen reichen Geschäftsmann spielt, der sich in sie verliebt und ihr die Welt zu Füßen legt. Diese Geschichte finden wir in noch so manchem Film und Liebesroman auch. Und in der Bibel heißt das Vorbild für diese zweite Art von Frauengeschichten Maria aus Magdala, die Frau, die Jesus so liebte, dass sie mit ihm bis unter das Kreuz ging.

Und es mag noch manche Frauen und Männergeschichte sonst geben, doch wir sehen an diesen beiden Beispielen schon, dass die Geschichten, die wir heute hören und sehen – im Fernsehen, im Kino oder in Romanen, dass diese Geschichten so richtig mit ihren Vorbildern nicht mithalten können.

II

Denn mit der Frau, die Luther lapidar Sünderin nennt, tritt Jesus kein Abziehbild, keine Stereotype entgegen, kein Muster für die gefallene Frau, sondern eine konkrete Person. Das ist für unsere Geschichte heute besonders wichtig: denn Jesus vermag es durch das Bild, dass sich die Frau von sich selbst macht, hindurchzuschauen. Und es ist kein Gutes darf man vermuten, denn sie weint, als sie sich ihm von hinten, also aus dem Verborgenen nähert. Wie viele Menschen trägt diese Frau Schuld und Scham mit sich. Jesus vermag darüber hinweg oder besser noch hindurch zu schauen, durch das, was sich die Frau selbst vorwirft. Er sieht nicht ihr Gepäck, sondern die schmalen Schultern, die es schleppen müssen.

Und Jesus vermag es auch die Bilder zu ignorieren und zur Seite zu stellen – dort wo sie hingehören -, die sich andere Menschen von dieser Frau gemacht haben. Sie mag als Hure verschimpft und als Schlampe beleidigt werden, er sieht nur die Frau, die seine Nähe sucht und damit in Beziehung zu ihm tritt.

Die ganze Geschichte unseres Evangeliums ist ein Gleichnis für das Reich Gottes. Deshalb frage ich mich: Was soll uns diese Geschichte über das Reich Gottes sagen, das Jesus verkündet hat und von dem wir Christen glauben, dass es mit ihm bereits angebrochen ist?

III

Und da gerät jetzt doch Simon in den Blick, der Gastgeber des Abendessens. Er hat Jesus eingeladen an seinen Tisch und unter sein Dach. Er ist ein guter, ein geduldiger Gastgeber. Er schickt die Frau nicht weg, er wundert sich nur. Und er stellt sich Fragen, die Jesus dann auch nicht einfach bei Seite lässt, sondern beantworten will. Ja, beim oberflächlichen Lesen, könnte man auf den Gedanken kommen, dass es hier im Simon geht.

Ganz und gar nicht. Das Gleichnis von den Schuldnern, das Jesus Simon erzählt, ist eine Geschichte für die, die es immer noch nicht begriffen haben. In Worten der Handelssprache wird uns Begriffsstutzigen noch einmal und wieder erklärt, dass die Regeln des Gottesreichs andere sind, als wir sie unter uns Menschen immer noch aufstellen. Soweit, so gut, und auch die Menschen, die mit der Sprache der Berührung vielleicht nicht auf Anhieb etwas anfangen können, sind nicht vergessen. Jesus erzählt ihnen ein Gleichnis, und so können auch sie verstehen.

Doch verstehen heißt noch nicht teilhaben. Jesus ist nicht einfach nur ein begnadeter Gleichniserzähler, sondern selbst ein Gleichnis. Ein Gleichnis der Liebe Gottes.

IV

Ein Gleichnis der Liebe Gottes, das Menschen seit Hunderten von Jahren zu verstehen suchen. Ein Gleichnis der Liebe Gottes, das wohl nur in der Sprache der Berührung und Nähe verstanden werden kann.

Denn von welcher Liebe Gottes spricht unser Evangelium? Es ist nicht – jedenfalls nicht nur – die Barmherzigkeit oder Gnade Gottes, von denen auch in der Epistel (Eph 2, 4-10) die Rede ist. Viel zu häufig verbergen wir die ganze Macht der Liebe Gottes hinter solchen Worten, die uns darüber hinaus noch fremd geworden sind, weil sie in unserem Alltag keine Rolle spielen.

Barmherzigkeit und Gnade, das sind Aspekte, Lichtseiten der Liebe Gottes, ohne die wir nicht leben können. Sie sind eine Seite der Medaille. Sie beschreiben den Weg, den die Liebe Gottes zu uns nimmt, in der es sich uns zuwendet. Im Idealfall wie ein liebender Elternteil, aber eben nicht gleichberechtigt, es gibt da ein Gefälle. Und so maskieren auch diese Worte die volle Macht der Liebe Gottes.

Denn nicht aus Großzügigkeit hat Gott die Welt geschaffen, sondern aus Sehnsucht seiner Liebe Raum und Gestalt zu geben.

Denn nicht aus Zufall hat er sich an das Leben der Menschen gebunden, sondern aus Sehnsucht nach einem Gegenüber: Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, …. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Nicht aus einer Laune heraus hat er sich ein Volk erwählt, sondern aus Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit.

Und nicht umsonst hat er seine Geschichte mit der jedes einzelnen Menschen verknüpft und die Welt zu kehren versucht, in dem er selbst uns gleich und Mensch wurde, sondern aus Sehnsucht, Heil zu stiften.

Es ist diese Liebe Gottes von der Paulus sagt, dass sie alles erträgt, alles glaubt, alles erhofft und die Kraft hat, alles zu erdulden. Es ist eine Liebe, die sich so sehr nach einem Gegenüber, nach Partnerschaft sehnt, dass sie sich verzehrt, wenn sie alleine bleibt.

Es ist diese Liebe von der Jesus uns ein Gleichnis ist.

Denn der Mensch Jesus von Nazareth wird sich seinen Teil über die Frau, die sich ihm da zu Füßen wirft, schon denken. Er kennt die Regeln seines Volkes, er beachtet sie, er ist ein frommer Jude. Der Mensch Jesus wird wie wir erschrocken sein, seine Füße zurückziehen wollen, vielleicht vor Ekel oder Angst vor der Berührung. Dem Menschen Jesus wird die weinende Frau zu seinen Füßen vielleicht sogar ein wenig peinlich sein, gerade jetzt wo er mit anderen zu Tisch sitzt.

Aber so viel hat Jesus von Gott verstanden, soviel seines Geistes waltet in ihm, dass wir ihn seinen Sohn nennen, dass all das: die Konventionen seiner Herkunft, die Peinlichkeit der Situation und sein eigenes Befinden nicht mehr zählen, sondern allein die Nähe dieser Frau. Und so lässt er sich ihre Berühungen gefallen. Er genieß sie, sie tun ihm gut, denn diese Frau hat mehr in ihm erkannt, als es die anderen vermochten, nicht nur einen Lehrer, einen interessanten Gesprächspartner, einen Propheten, sondern eine verwandte Seele.

V

In dem Lied „Pretty Woman“ von Roy Orbison, das auch die Musik zum Film mit Julia Roberts und Richard Gere ist, gibt es ein paar Verse, die mich stutzig gemacht haben.

Pretty woman, won’t you pardon me? – Hübsche Frau, verzeihst Du mir
Pretty woman, I couldn’t help but see – Hübsche Frau, ich kann nicht daran vorbeisehen
Pretty woman, you look lovely as can be – dass Du so hübsch bist, wie nur möglich

und dann die Frage:
Are you lonely just like me? – Bist Du grad so einsam wie ich?

Das Geheimnis der Liebe Gottes und der Grund dafür, dass er zuerst die annimmt, die vor unseren Augen nichtig und dreckig und unwürdig sind, ist, dass wenn solche Menschen zu ihm kommen, sich zwei Herzen berühren, die sich beide danach sehnen, nicht allein zu sein.

Nur das Herz, in dem die Sehnsucht nach Begegnung, nach Nähe und nach Gemeinschaft pocht, wird Gott leicht begegnen können. Denn seines pocht im gleichen Rhythmus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Diese Predigt haben ich am 16. August 2015 in Andenhausen gehalten.

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