1, 2 oder 3 – Ein Welterklärungsmodell

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Aufgepasst, jetzt kommt ein richtig guter Lifehack. In der Kindersendung 1, 2 oder 3 beantworten die teilnehmenden Kinder, die ihnen gestellten Fragen, indem sie lustig zwischen den die drei Antwortmöglichkeiten repräsentierenden Feldern hin und her hüpfen. Bei Ablauf des Countdowns haben sie sich entschieden und bleiben auf dem Feld stehen, das die Antwortmöglichkeit ihrer Wahl anzeigt.

Das ganze Gehüpfe ist integraler Bestandteil des Sendungskonzepts: Wenn die Kinder gemessenen Schrittes in Richtung ihrer favorisierten Antwort schreiten würden, hielte sich die Spannung für die Zuschauer im Studio und vor der Mattscheibe wohl in engen Grenzen. Das Rumgehuppe macht einen erheblichen Teil des Spaßes aus, wenn nicht sogar den Hauptteil des Vergnügens.

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Nun verharren die Kinder einen Moment. „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!“ Und tatsächlich: die richtige Antwort leuchtet auf, es sprüht Funken und jedes Kind gewinnt einen Ball, das die korrekte Antwort wusste und sich entsprechend positionierte. Die Anzahl der gewonnenen Bälle entscheidet ganz zum Schluss nicht nur, wie groß die eigene Ausbeute am Gewinnbasar ausfällt, sondern vor allem darüber welches Team den Hauptpreis mit nach Hause nimmt. Eine Klassenfahrt ins Legoland zum Beispiel. Es geht also um etwas.

Genauso führen wir in unserer Gesellschaft Debatten.

Eine Frage steht im Raum und das Rumgehüpfe beginnt. Hü und hot und noch einmal im Kreis. Unterhaltend, doch auf Dauer auch ermüdend. Die Protagonisten sind eben keine Kinder, sondern Erwachsene, die bei allzu wildem Gehüpfe Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen.

Außerdem mangelt es dem Countdown zur Beantwortung an Verbindlichkeit: Während sich so mancher ausgekäst hat und sich – mal schneller, mal langsamer – zu einer Antwort durchgerungen hat, möchten andere lieber noch ein wenig herumturnen.

Das Licht der Geschichte

So geraten immer wieder Debatten in den Blick der breiten Öffentlichkeit, von denen man schon dachte, sie hätten sich erledigt; die in ihnen verborgenen Fragen wären bereits einer befriedigenden (richtigen) Antwort zugeführt. Mitnichten. Doch darin liegt ja auch etwas ungemein Tröstliches.

Viele Fragen können nicht endgültig beantwortet werden, sondern stehen immer wieder – und sei es in der nächsten Fernsehsendung – zur Debatte. Eine neue Generation von Kombattanten (eine neue Schulklasse) wird sich an der Beantwortung versuchen – vielleicht ja mit überraschenden, neue Perspektiven eröffnenden Ergebnissen.

Und dann wären da jene Fälle, in denen untrügerisch das Licht der Geschichte tatsächlich angegangen ist. Die Frage also – wenn schon nicht ein für allemal, so doch für die überschaubare Zukunft – geklärt scheint. Das ist gar nicht mal so selten. Selbst die größten Misogynisten rütteln nicht am Frauenwahlrecht. Dass die EU und Deutschland besser demokratisch bleiben, ist auch so eine Grundentscheidung, die nur wenige gerne umdrehen wollen. Doch man sieht schon: die Entscheidung darüber, ob uns kollektiv ein Licht aufgegangen ist oder nicht, die lässt sich erst mit erheblichen zeitlichem Abstand entscheiden. Das lehrt Geduld.

Heiliges Spiel

Was den Bereich vermeintlich ewiger Glaubenswahrheiten angeht, kommt die Kinderfernseh-Metapher an ihre Grenzen. Natürlich ist auch hier des Rätselns und Rumhüpfens kein Mangel, doch die Zeit bis zum Funkenregen zieht sich bedenklich. Ob Du wirklich richtig stehst, das wird – je nach Glaubenstradition – eben erst nach dem eigenen Ableben oder gleich am Weltenende entschieden. Noch mehr Geduld also. Geduld und Langmut, möchte ich sagen, denn es bedeutet sich eines letzten Urteils und einer letzten Schärfe zu enthalten.

Vorsicht ist geboten, nicht selten findet sich die Mehrheit auf einer Plattform ein und hat doch Unrecht. Das waren doch überhaupt die besten Kinderzuschauermomente bei 1, 2 oder 3, wenn sich statt der Mehrheit eine einzelne Mitspielerin freuen durfte. Nicht nur hatte sie den richtigen Riecher, sie hatte auch Mut bewiesen, sich anders als ihre Klassenkameraden zu entscheiden. Kudos. Schön, wenn sich dann die ob des Abweichlertums ärgerlichen Blicke der Mitschüler in stille (oder laute) Bewunderung wandelten.Zwischenablage03Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen: Natürlich geht es weiter darum, die richtige Antworten zu suchen, zu diskutieren und von mir aus auch Herumzuhampeln. Das kann zu Zeiten ja auch ungemein unterhaltsam sein. Nur darüber, dass wir alle zu Zeiten mächtig im Dunklen tappen und mehr raten als wissen, darüber sollten wir endlich einmal Einigkeit herstellen. Dann macht auch das gemeinsame Rätselraten deutlich mehr Spaß.

Dann habe ich natürlich immer noch den Ehrgeiz, die treffendere Antwort zu geben. Fragen und Antworten gehen mich noch immer an, manche sogar unbedingt. Aber weder hängt mein, noch unser aller Heil an der Validierung durch Scheinwerfertypen und Funkensprüher.

Eine solche langmütige und geduldige Gesprächshaltung zeugt nicht zuletzt von wirklich fundamentalem Gott- und damit Weltvertrauen. Das letzte Wort in unseren Debatten und über mein Leben habe eben nicht ich, das ist – geschätzte Leserin, Du hast es längst bemerkt – ungemein entlastend und befreiend. Und wer sagt überhaupt, dass es nur über einer unserer beschränkten Antworten Licht wird?

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